v.l. Bet­ti­ne Wag­ner-Frie­de­wald, Mar­ti­na Ber­scheid, Gabrie­le Korn, Rena­te Demuth, Bir­git Heid, Ursu­la Dör­ler u. Peter Her­zer. Foto: Pfalz­bi­blio­thek Kai­sers­lau­tern



In der Pfalz­bi­blio­thek Kai­sers­lau­tern stell­ten am Sams­tag, den 9. Mai sechs Lau­ter Autor*innen Tex­te aus der neu­en Sek­ti­ons-Antho­lo­gie namens „Eine unge­heu­re Kraft” vor.
Das Buch war kurz zuvor erschie­nen und beschäf­tigt sich mit Mys­tik, wobei die Spann­brei­te von extre­mer Empa­thie, selt­sams­ten Zufäl­len bis zu Erleb­nis­sen geht, die nicht mehr ratio­nal durch Wis­sen­schaft zu erklä­ren sind.
Trotz Bil­der­buch­wet­ter und aller­lei par­al­lel statt­fin­den­den Ver­an­stal­tun­gen, z.B. einer Demo für Inklu­si­on und Men­schen­rech­te und einem gro­ßen Stadt­teil­fest, waren die Stuhl­rei­hen gut gefüllt. Die Stadt fei­ert ihr 750-jäh­ri­ges Jubi­lä­um!
Tina Jah­nert von der Pfalz­bi­blio­thek und Peter Her­zer vom Lit. Ver­ein begrüß­ten die zahl­rei­chen Gäs­te und spra­chen ein­füh­ren­de Wor­te. Her­zer beleuch­te­te, was Mys­tik bedeu­tet und wie er dar­auf gekom­men war. Vor über 30 Jah­ren besuch­te er Hans-Lothar Frei­herr von Rack­nitz, den vor­ma­li­gen Eigen­tü­mer des Klos­ters Disi­bo­den­berg. Man sprach ganz pro­fan über Schnaps­bren­nen, die Rui­nen inter­es­sier­ten nicht. Nach archäo­lo­gi­schen Gra­bun­gen und umfang­rei­chen Restau­ra­tio­nen samt Bil­dung einer Infra­struk­tur kam Tou­ris­mus auf und zwar vor allem wegen der Mys­ti­ke­rin und Kir­chen­leh­re­rin Hil­de­gard von Bin­gen. Was treibt die Men­schen an, sind es Zwei­fel und Sehn­sucht, was wird gesucht? Womög­lich in Jakobs­we­gen, in alter­na­ti­ven Glau­bens­mo­del­len? Man­che fin­den Schön­heit, ande­re Schre­cken. Anselm Grün gab den Rat­schlag, man sol­le in sei­nem Kör­per einen hei­li­gen Raum besit­zen, der Sicher­heit vor der oft­mals gru­se­li­gen Rea­li­tät bie­tet. Das wur­de in den vor­ge­tra­ge­nen Geschich­ten und Gedich­ten ver­deut­licht.


Gabrie­le Korn begann mit ihrer Kurz­pro­sa „Ein Lied in a‑Moll”. Drei Men­schen wan­dern müh­sam in Hom­burg zu den Schloss­hö­hen empor und geden­ken der ver­stor­be­nen guten Freun­din Susan­ne. In viel­fäl­ti­gen Reflek­tio­nen wird dabei der Cha­rak­ter und ihre Freund­schaft zuein­an­der gewür­digt. Schließ­lich kommt es zu einer beson­ders zufäl­li­gen, bzw. mys­ti­schen Begeg­nung mit einem Vogel, der in unse­ren Brei­ten nicht exis­tiert.

Ursu­la Dör­ler trug eine lus­ti­ge, leicht schau­ri­ge Mori­tat über einen „blau­en Frosch” vor.
Die Ver­se spie­len in einem Moor in der Lüne­bur­ger Hei­de. Die west­pfäl­zi­sche Moor­nie­de­rung sei gegen­wär­tig nicht geeig­net, da aus­ge­trock­net, so die Autorin.

Oh, die Nacht in grau­em Schlei­er,
wo das Hei­de­land im Was­ser schlief,
nur der blaue Frosch im Schlam­me
unheil­voll zur Lie­be rief.


Der blaue Frosch wirbt um die Dame von Kaba­now, eine edle Frau mit blau­em Blut, und sil­bern ihr Haar, die ein­sam in einem Häus­chen im Moor lebt. Nach der Ver­mäh­lung wan­delt sie sich jedoch zur Wei­ßen Frau, denn der Frosch bringt nur Unglück, sie „singt nur noch Sire­nen­lie­der”, ist „ent­rückt in kal­tes Blau”.
Die Gäs­te lach­ten viel­fach über den gelun­ge­nen Vor­trag. Ursu­la Dör­ler ver­ant­wor­tet und mode­riert das Poe­ten­fest in Spey­er Ende August mit dem The­ma Zeit­geist.

Aus Hom­burg brach­te Mar­ti­na Ber­scheid „Eine unge­heu­re Kraft” mit, eine Erzäh­lung, die sich mit Mari­en­er­schei­nun­gen im katho­lisch gepräg­ten saar­län­di­schen Mar­pin­gen beschäf­tigt. Die Jour­na­lis­tin Kaja inter­viewt ihre ehe­ma­li­ge Klas­sen­ka­me­ra­din Jut­ta bzgl. ihrer ver­kün­de­ten (angeb­li­chen) Erschei­nung. Kaja hofft, dass der Job schnell erle­digt sei und sie wegen der wenig erbau­li­chen Vor­ge­schich­te uner­kannt bleibt, was sich nicht bewahr­hei­tet. Jut­ta führt sie an die betref­fen­de Stel­le im angren­zen­den Wald, wo es zu einem unheim­li­chen, klaus­tro­pho­bi­schen Gesche­hen kommt. Kaja flüch­tet panisch.
In der vor­ge­stell­ten Antho­lo­gie gibt es von Sig­rid Stem­ler eine wei­te­re Mari­en­er­schei­nung durch ein Kind zu lesen, mit beson­ders har­tem Aus­gang.

Rena­te Demuth schil­dert eine „Nicht-Begeg­nung in frem­der Stadt”. Nach einem Thea­ter­be­such mit Beglei­tung sucht die Ich-Erzäh­le­rin ein Restau­rant auf. Nur wenig ent­fernt sitzt eine Frau, wel­che offen­bar außer Mode geklei­det und fri­siert ist. Es wer­den vie­le Ver­mu­tun­gen und scharf­sin­ni­ge Beob­ach­tun­gen gemacht, nach einem erneu­ten Blick zu ihr ist sie plötz­lich ver­schwun­den. In Ver­bin­dung wird eine lie­be Cou­si­ne gebracht, die vor 30 Jah­ren einen leid­vol­len Tod erlitt.


Bir­git Heid aus Land­au las die Kurz­pro­sa „Ein Trep­pen­haus” vor. Die Erzäh­le­rin befin­det sich in einem Trep­pen­haus und nimmt mit hoch­gra­di­ger Empa­thie die Geräu­sche der Bewoh­ner und Vor­bei­ge­hen­de wahr. Die Autorin bringt hier gekonnt ihr beach­tens­wer­tes Talent für die Trans­for­ma­ti­on des All­täg­li­chen ins Lite­ra­ri­sche ein. Die Prot­ago­nis­tin selbst bleibt „unsicht­bar”, bis sie den Mann, den sie offen­bar liebt, berührt.

Die Lyri­ke­rin Bet­ti­ne Wag­ner-Frie­de­wald beschäf­tig­te sich in „man­che tage” mit Mys­tik im All­tag. In den drei Stro­phen erwei­tert sie ihre und so auch unse­re Sinn­lich­keit für die Natur, die mit „wesen und gestal­ten” belebt sind, dazwi­schen springt ein rea­lis­ti­sches Ele­ment wie das „motor­öl in einer lache” her­vor. Sehr schön ihre Wor­te:

die din­ge sind beseelt

wohin mit mir

ich fal­le in den kelch

der schwert­li­lie am bach



Bir­git Heid sorg­te mit einer Medi­ta­ti­on mit­tels Klang­scha­len, Horn und Ras­sel­ge­räu­schen für eine stim­mi­ge Atmo­sphä­re.

Die Zuschau­er und Autorin­nen waren sicht­lich zufrie­den, nach der Lesung fan­den sich vie­le in Gesprächs­grup­pen wie­der.

Buch: Eine unge­heu­re Kraft, Antho­lo­gie der Sek­ti­on Kai­sers­lau­tern des Lite­ra­ri­schen Ver­eins der Pfalz, epu­b­li 2026, 109 S., 16.80€. Her­aus­ge­ber: Peter Her­zer. Mit 14 Autorin­nen und Autoren.