
In der Pfalzbibliothek Kaiserslautern stellten am Samstag, den 9. Mai sechs Lauter Autor*innen Texte aus der neuen Sektions-Anthologie namens „Eine ungeheure Kraft” vor.
Das Buch war kurz zuvor erschienen und beschäftigt sich mit Mystik, wobei die Spannbreite von extremer Empathie, seltsamsten Zufällen bis zu Erlebnissen geht, die nicht mehr rational durch Wissenschaft zu erklären sind.
Trotz Bilderbuchwetter und allerlei parallel stattfindenden Veranstaltungen, z.B. einer Demo für Inklusion und Menschenrechte und einem großen Stadtteilfest, waren die Stuhlreihen gut gefüllt. Die Stadt feiert ihr 750-jähriges Jubiläum!
Tina Jahnert von der Pfalzbibliothek und Peter Herzer vom Lit. Verein begrüßten die zahlreichen Gäste und sprachen einführende Worte. Herzer beleuchtete, was Mystik bedeutet und wie er darauf gekommen war. Vor über 30 Jahren besuchte er Hans-Lothar Freiherr von Racknitz, den vormaligen Eigentümer des Klosters Disibodenberg. Man sprach ganz profan über Schnapsbrennen, die Ruinen interessierten nicht. Nach archäologischen Grabungen und umfangreichen Restaurationen samt Bildung einer Infrastruktur kam Tourismus auf und zwar vor allem wegen der Mystikerin und Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen. Was treibt die Menschen an, sind es Zweifel und Sehnsucht, was wird gesucht? Womöglich in Jakobswegen, in alternativen Glaubensmodellen? Manche finden Schönheit, andere Schrecken. Anselm Grün gab den Ratschlag, man solle in seinem Körper einen heiligen Raum besitzen, der Sicherheit vor der oftmals gruseligen Realität bietet. Das wurde in den vorgetragenen Geschichten und Gedichten verdeutlicht.
Gabriele Korn begann mit ihrer Kurzprosa „Ein Lied in a‑Moll”. Drei Menschen wandern mühsam in Homburg zu den Schlosshöhen empor und gedenken der verstorbenen guten Freundin Susanne. In vielfältigen Reflektionen wird dabei der Charakter und ihre Freundschaft zueinander gewürdigt. Schließlich kommt es zu einer besonders zufälligen, bzw. mystischen Begegnung mit einem Vogel, der in unseren Breiten nicht existiert.
Ursula Dörler trug eine lustige, leicht schaurige Moritat über einen „blauen Frosch” vor.
Die Verse spielen in einem Moor in der Lüneburger Heide. Die westpfälzische Moorniederung sei gegenwärtig nicht geeignet, da ausgetrocknet, so die Autorin.
Oh, die Nacht in grauem Schleier,
wo das Heideland im Wasser schlief,
nur der blaue Frosch im Schlamme
unheilvoll zur Liebe rief.
Der blaue Frosch wirbt um die Dame von Kabanow, eine edle Frau mit blauem Blut, und silbern ihr Haar, die einsam in einem Häuschen im Moor lebt. Nach der Vermählung wandelt sie sich jedoch zur Weißen Frau, denn der Frosch bringt nur Unglück, sie „singt nur noch Sirenenlieder”, ist „entrückt in kaltes Blau”.
Die Gäste lachten vielfach über den gelungenen Vortrag. Ursula Dörler verantwortet und moderiert das Poetenfest in Speyer Ende August mit dem Thema Zeitgeist.
Aus Homburg brachte Martina Berscheid „Eine ungeheure Kraft” mit, eine Erzählung, die sich mit Marienerscheinungen im katholisch geprägten saarländischen Marpingen beschäftigt. Die Journalistin Kaja interviewt ihre ehemalige Klassenkameradin Jutta bzgl. ihrer verkündeten (angeblichen) Erscheinung. Kaja hofft, dass der Job schnell erledigt sei und sie wegen der wenig erbaulichen Vorgeschichte unerkannt bleibt, was sich nicht bewahrheitet. Jutta führt sie an die betreffende Stelle im angrenzenden Wald, wo es zu einem unheimlichen, klaustrophobischen Geschehen kommt. Kaja flüchtet panisch.
In der vorgestellten Anthologie gibt es von Sigrid Stemler eine weitere Marienerscheinung durch ein Kind zu lesen, mit besonders hartem Ausgang.
Renate Demuth schildert eine „Nicht-Begegnung in fremder Stadt”. Nach einem Theaterbesuch mit Begleitung sucht die Ich-Erzählerin ein Restaurant auf. Nur wenig entfernt sitzt eine Frau, welche offenbar außer Mode gekleidet und frisiert ist. Es werden viele Vermutungen und scharfsinnige Beobachtungen gemacht, nach einem erneuten Blick zu ihr ist sie plötzlich verschwunden. In Verbindung wird eine liebe Cousine gebracht, die vor 30 Jahren einen leidvollen Tod erlitt.
Birgit Heid aus Landau las die Kurzprosa „Ein Treppenhaus” vor. Die Erzählerin befindet sich in einem Treppenhaus und nimmt mit hochgradiger Empathie die Geräusche der Bewohner und Vorbeigehende wahr. Die Autorin bringt hier gekonnt ihr beachtenswertes Talent für die Transformation des Alltäglichen ins Literarische ein. Die Protagonistin selbst bleibt „unsichtbar”, bis sie den Mann, den sie offenbar liebt, berührt.
Die Lyrikerin Bettine Wagner-Friedewald beschäftigte sich in „manche tage” mit Mystik im Alltag. In den drei Strophen erweitert sie ihre und so auch unsere Sinnlichkeit für die Natur, die mit „wesen und gestalten” belebt sind, dazwischen springt ein realistisches Element wie das „motoröl in einer lache” hervor. Sehr schön ihre Worte:
die dinge sind beseelt
wohin mit mir
ich falle in den kelch
der schwertlilie am bach
Birgit Heid sorgte mit einer Meditation mittels Klangschalen, Horn und Rasselgeräuschen für eine stimmige Atmosphäre.
Die Zuschauer und Autorinnen waren sichtlich zufrieden, nach der Lesung fanden sich viele in Gesprächsgruppen wieder.
Buch: Eine ungeheure Kraft, Anthologie der Sektion Kaiserslautern des Literarischen Vereins der Pfalz, epubli 2026, 109 S., 16.80€. Herausgeber: Peter Herzer. Mit 14 Autorinnen und Autoren.
