
Im April brachte Birgit Heid aus Landau einen Gedichtband namens „Heilende Hände” im Stil japanischer Tanka heraus. Diese sind von 2023 bis 2026 entstanden. Oftmals verarbeitet sie Alltags- und Reiseimpressionen mit großer Empathie zu Kleinoden, die die LeserInnen mittels der weiterführenden Gedanken geschickt mitnehmen. Und das alles in höchster Verdichtung! Teils wie für einen Kalender geschaffen.
Die Autorin ist vielbeschäftigt und gesellschaftspolitisch engagiert. Deutlich spürbar ihr Talent und Reife in der Auseinandersetzung mit großen Themen wie Sterblichkeit, Klimawandel, Familie, ja, auch eher behutsam Liebe, darunter mischen sich kleine Glücksmomente (der Bestätigung), die sich wie eine leicht fragile Perlenkette aneinanderreihen. Denn eins ist Birgit Heid bewusst und darin klug genug, wann sie Zeit zur Besinnung und Entschleunigung benötigt, sich Freiräume verschafft – durchaus locker, humorvoll.
Besonders schön sind die Zeiten, wenn sie in der Dachkammer, auf dem Bett liegend, zur Luke hinauf fühlt und in Reflektion zwischen der Eigenwahrnehmung und Natur resoniert.
Das abschließende Tanka eher melancholisch:
den letzten Eintrag
des Jahres
schiebe ich vor mir her
ein weiterer Versuch
die Zeit anzuhalten
Kleines Interview
Peter Herzer
Bei mir, und wie ich auch von anderen Leserinnen vernahm, vermittelte der erste Eindruck auf das Cover: Hier liegt ein esoterisches Werk vor. Doch das täuscht sehr.
Denn der Titel rührt von einem Gedicht her, welches sich auf die Behandlung nach einem schweren Sturz bezieht:
er habe heilende Hände
schmunzelt der Therapeut
nach meinem Kompliment …
wie lange die Wirkung
von Freude anhält
Ist Dein Werk dem Realismus zuzuordnen?
Birgit Heid
Der Eindruck eines „esoterischen” Werkes kommt lediglich daher, dass das Wort „heilen” im heutigen Sprachgebrauch kaum eine Rolle spielt. Heute übernehmen Ärzte und Medikamente das, was viele Jahrhunderte lang in der Hand der Laienmediziner, der Bader, lag, und die Heilung von Krankheiten auf verschiedene Weise erfolgte. Von „Heilung” zu sprechen ist heute eher üblich als von „Heilen”, es ist sozusagen ein entpersonifizierter Begriff, entsprechend der Durchführung heilsamer Methoden, denke ich. Heute und in einer durchmechanisierten Welt ist man ja skeptisch gegenüber Heilmethoden, die mit Zuwendung und Nähe zu tun haben. Ich distanziere mich jedoch ausdrücklich vom Begriff Esoterik.
Mein Gedichtband ist nicht dem Realismus zugeordnet. Es wäre kein Gedichtband, denn der Realismus ist ein Erzählstil. Ich folge mit meinen Tanka dem Light-Verse-Stil der deutschprachigen Tanka der letzten dreißig Jahre. Wenn manche Tanka nicht verständlich sind, so ist das nicht beabsichtigt, denn Tanka sollen dezidiert nicht geheimnisvoll sein, wie es Haiku sein können.
Peter Herzer
Du hast wiederum die japanische Gedichtform eines fünfzeiligen Tankas gewählt, damit sind Haibun und SW-Bilder verbunden. Insgesamt bietet das Buch mehr oder weniger persönlich wirkende Alltagsimpressionen, die von Dritten hie und da hermetisch empfunden werden können. Warum untertitelst du nicht mit ”Tagebücher”?
Birgit Heid
Ein Tagebuch ist üblicherweise eine reine Abbildung des Geschehenen, manchmal mit einer entsprechenden Einordnung, aber ohne kreative Eingriffe in den Text, da er in der Regel der eigenen Information und Erinnerung dient. Meine Tanka sind autofiktional, also durchaus verfremdet, was die genannten Personen und Ereignisse anbelangt – ich begebe mich manchmal in „Rollen” – um somit zugänglicher für Lesende zu werden und nicht meine Person sondern sich selbst in Gedanken haben, wenn sie die Texte lesen. Tanka haben eine Art Betriebsanleitung: ein konkreteres und persönliches Ereignis wird mit weiterführenden Gedanken, Reflexionen, Gegenmeinungen oder Einordnungen ergänzt. Tanka sollen nicht zu viel Inhalt aufweisen. Das Weglassen spielt eine große Rolle. Die Tanka sind als Anregung gedacht, selbst zu kleinen, aber für einen persönlich bedeutsam scheinenden Eindrücken zu gelangen, in eine Welt, in der das Kleine mit dem Großen zusammenhängt und verbunden ist.
Peter Herzer
Bemerkenswert ist Dein Engagement für den Verein ”Silberstreif” in Landau.
In Kaiserslautern gibt es eine ähnliche Initiative namens ”Arm – alt – allein”.
Organisierte Hilfe ist landesweit dringend nötig, da sich die Situation älterer
einkommensschwacher Menschen durch die stark gestiegenen Lebenshaltungskosten (seit Corona) deutlich verschlechtert hat.
Wie sieht dein Beitrag aus? Du willst z.B. einen Teil des Verkaufserlöses deines Buches spenden.
Birgit Heid
Ich habe vor einiger Zeit, es ist auch als Tanka beschrieben, in der Postbank eine gepflegte ältere Dame erlebt, die die Mitarbeiterin fragte, wie viel Geld sie abheben dürfe. Diese rechnete ihr den Kontostand und die in dem Monat noch zu erwartenden Rechnungen vor und nannte den kleinen Betrag. Es war ein wirklicher Sozialdienst von der Angestellten. Vor allem, die Frau hatte eine gepflegte Frisur und war gediegen gekleidet. Der Frisörbesuch hat sicher den Großteil ihrer liquiden Mittel aufgezehrt.
Insbesondere aufgrund der angekündigten „Reformen” im Sozialbereich war mir klar, dass Solidarität immer wichtiger werden muss. Viele alte Menschen schämen sich, „zum Amt” zu gehen oder können mit der Bürokratie nicht umgehen. Das ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft.
Insbesondere hoffe ich, dass die Geldübergabe den Weg in die RHEINPFALZ findet, sodass der Verein weitere Spenden bekommt. Beträge über 1000 Euro werden durchaus veröffentlicht, doch davon bin ich mit meiner Aktion weit entfernt.
Buch: Heilende Hände. Kurzgedichte im Stil japanischer Tanka. BoD, Hamburg 2026, 199 S., 10.99€.
