
Am letzten Tag des Wurstmarktes (21.9.) fand im Zelt der „Vier Jahreszeiten” die Traditionsveranstaltung „Pälzer Poesie“ statt. Das rund dreieinhalbstündige Mundartprogramm zog über 400 Besucher an und bot eine Plattform für zeitgenössische pfälzische Regionalliteratur und ‑musik. Die Moderation des Nachmittags lag in den Händen von Michael Landgraf aus Neustadt. Zur jovialen Einbindung fragte Landgraf anhand der Dialektvarianten für „ich habe“ (hab, hunn, hebb) die Herkunft der Gäste ab. Südpfalz … Westpfalz … Nordpfalz. Sodann folgte die biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel „mit deer Sproochverwerrung” nach Paul Münch. Landgraf bezog das Publikum geschickt ein, jenes konnte erstaunlich gut mit Refrain und ergänzenden Worten reagieren. Unter den Gästen befanden sich relativ viele in traditioneller Winzerkleidung unn dem Dubbeglas im Visier.
Michael Landgraf würdigte das Schaffen von zwei im Vorjahr verstorbenen bedeutenden Kulturschaffenden in Form zweier Hommagen:
- Reinhard Brenzinger: Der Initiator der „Pälzer Poesie“ verstarb im Alter von 77 Jahren. Da er keine schriftlichen Aufzeichnungen seiner Stücke hinterlassen hatte, mussten die Texte – darunter seine Ode an Bad Dürkheim „Moi Derkem du bischd wunnerschää“ – aus Videomaterial und anderen Zeugnissen rekonstruiert werden. Der ehemalige Dürkheimer Bürgermeister Christoph Glogger trug das Lied mit Gitarrenbegleitung vor. Es wurde allgemein betont, dass Brenzinger alles, was er anpackte, „mit Herzblut“ gemacht habe. Zudem wurde Brenzingers langjähriges Engagement für den Literarischen Frühschoppen (ab 2007) und die Städtepartnerschaften hervorgehoben.
- Paul Tremmel: Der Mundartdichter verstarb im Alter von 96 Jahren. Mit über 30 veröffentlichten Büchern war er ungeheuer produktiv. Landgraf beschrieb ihn als Denker, dem dennoch stets der „Schalk im Nacken“ gesessen habe. In der Hommage an ihn stimmte Willi Brausch ein Kurt-Dehn-Lied an, gefolgt von einem kollektiven „Dankschää“ des Publikums.
Folgende Autorinnen und Autoren sorgten für gute Laune und ernsthafte, teils melancholische Untertöne:
- Edith Brünnler (Ludwigshafen):
Die Autorin war zum zweiten mal bei der Pälzer Poesie dabei und präsentierte ihre Texte in einer sehr dynamischen Vortragsform aus Prosa, Poetry Slam und rhythmischem Sprechgesang. Inhaltlich setzte sie sich humorvoll-satirisch mit dem samstäglichen Einkaufstrubel auseinander. In ihrer vorgetragenen Geschichte schilderte sie eine frustrierende Kleidersuche, bei der sie in einem düsteren Laden mit den Worten „Wer hat denn die Alte hier reingelassen?“ konfrontiert wurde. Besonders ihr Temperament und ihre Abneigung gegen monotone Farben stachen heraus: So merkte sie satirisch an, dass beim Kleiderkauf „ein beiger Gürtel eine Person gerettet hätte“, die ihn „bunt” sonst wohl „erwürgt“ hätte. Weitere Passagen befassten sich mit geschickten Vordrängel-Taktiken beim Metzger, Bäcker und am Gemüsestand: „Lassen Sie mich gerade mal durch!“. Das Publikum honorierte den besonders einprägsamen Vortrag mit extragroßem Applaus und Zugaberufen. - Matthias Zech (Speyer):
Zech setzte einen tiefgründigen und emotionalen Schwerpunkt. Im Zentrum stand sein in Bockenheim prämiertes Gewinnergedicht „Hasselniss vum Vadder“, welches den spürbaren Abbau und das gleichzeitige emotionale Vermächtnis seines 91-jährigen Vaters thematisiert. Zech stellte in den Versen die vitale Vergangenheit des Vaters der gegenwärtigen Stille gegenüber:„frieher / do hot er viel gebabbelt / gerechent hot er schnell / fescht gschafft hot er fer uns…„
Trotz des Verlusts der Sinne bleibt die väterliche Fürsorge im Alter bestehen. Der Vater sitzt „stunnelang […] uff de Terrass“ und knackt Haselnüsse aus dem eigenen Garten, um dem Sohn ein kleines „Kinnerbreigläselsche voll“ mitzugeben. Der Sohn nimmt fortan jeden Morgen eine einzelne Nuss in sein Müsli: „ää äänzischie / do drin is alles / do drin do is / sei ganzie Lieb / sei ganzes Leewe / in dere Hasselnuss fer mich“.
Neben diesem einfühlsamen Text las Zech Gedichte über das gemeinsame Altern mit den wachsenden Falten und eine Reflexion über Nähe und Abschied vor, sowie in Drachenfutter, das auf intime Weise die Not und das seltene, befreiende Lachen einer Ehefrau bei der Pflege ihres demenzkranken Mannes beschreibt. - Renate Demuth (Kaiserslautern-Hohenecken):
Demuth vertrat die saarpfälzische Mundartregion („erweiterte Westpfalz“) und grenzte diese sprachlich vom Saarland ab. In ihrem Vortrag mit viel „Schwaddel-Kuddel-Muddel“ plädierte sie leidenschaftlich für den Erhalt des traditionellen Sprachschatzes: „Mundart ist halt kreativ“. Sie kritisierte humorvoll moderne Modewörter und Anglizismen bei Jugendlichen, die zu Verständigungsschwierigkeiten führen „Lass mich in Ruh’ mit altem Schmu, sagst du“. „Yes, you can marry with me!‘ / „Englisch-Dingsda, Google, Simsen, mit Deutsch haut das nicht hin.” – ‚Mein Kind versteht mich nicht, wenn ich als Pälzisch red’. Es wäre unmöglich und wehe, sie sagen dir: ‚Bloß drauf, es ist für sie.’ / „Bloß das Pälzisch lass ich nie!„
Michael Landgraf verwies auf den großen Respekt zwischen Demuth und Matthias Zech bei Mundartwettbewerben. - Gisela Gall (Bad Dürkheim):
Die Mitwirkende der ersten Stunde trat mit ihrem traditionellen weißen Hut auf. Sie stellte den Verlust früherer Werte und Dienstleistungen – wie den Fullservice an Tankstellen – der modernen, digitalisierten Gegenwart gegenüber, in der ältere Semester nun mit einem „Senioreschnapphandy“ hantieren. Ja, und ebbes, wie die Pill hats aa noch net gegäb. - Cornelius Molitor (Kaiserslautern):
Der Kopf der Pälzer Cantry Bänd trug komplett frei und ohne Skript vor. Seine Texte kombinierten Schalk und Tiefgang. Er zeichnete ein ironisches Bild der pfälzischen Wälder, so auch am Donnersberg als unwegsames Territorium, in dem man zum Schutz vor Wölfen „am besten noch ein Knippel“ mitnehmen sollte. Der kurzweilige Vortrag wurde durch parodistische Ausführungen zum angeblichen „Donnersberg-Bären“ (ursus monstrus davis carrivivus) und einen lateinischen Schuhmacher-Witz ergänzt. - Hans Jürgen Schweizer: Das „Dürkheimer Urgestein“ – von Landgraf als „königlicher Hofpoet“ angekündigt – trug u.a. die biblische Erzählung von der Arche Noah komplett frei auf Pfälzisch vor.
- Uli Valnion: Der als „alter Pälzer Revoluzzer“ bekannte Sänger präsentierte mit Countrymusik ein Spottlied auf Trump sowie ein Loblied auf die Pfalz, bis hin zum unvermeidbaren Schorsch und Worscht. Er erhielt 2024 die Landesverdienstmedaille.
- Charly Weibel: Der kurpfälzische Musiker bekannte in seinem Heimatlied, dass aus ihm „niemals ein Eskimo“ werde, er sei dehääm verwurzelt, und thematisierte im „Lewwerwurscht-Lied“ humorvoll den Einkauf beim Metzger.
- Hofmann-Hammer-Trio: Das Trio setzte sich musikalisch und mit Texten dafür ein, dass „unser schäni pälzer Sprooch net verlore geht“.
Den feierlichen Schlusspunkt gestaltete der 1. Frankenthaler Männerchor 03. Thomas „Edsel“ Merz (Anonyme Giddarischde) war einst Gründungsmitglied des Frankenthaler Chor und saß im Publikum; er mußte dann mit großem Applaus auf die Bühne, denn der kleene Edsel hat so oft geschwänzt. Der Chor hat an einem Wettbewerb RLP teilgenommen und gewann den dritten Platz hinter zwei Kinderchören. Mit Aufforderung des Chorleiters und der Moderation erhob sich das Publikum im Festzelt, um gemeinsam mit der Hand auf dem Herzen die Pfälzer Hymne „Hoch lebe die Pfalz“ zu singen.
