
Eine satirische Auseinandersetzung mit der kommunalen Haushaltskrise
An einem bildschönen Samstagvormittag (26.9.) um 11:00 Uhr gastierte das Pirmasenser Satireduo „The Reading Heads“ in der Pfalzbibliothek Kaiserslautern. Vor dem Hintergrund der anhaltenden Finanznot pfälzischer Kommunen präsentierten der Autor Bernd Ernst und der Schauspieler Martin Seebald ihr gut (mit Pause) 90-minütiges Kabarettprogramm „Klimmzüge am Schuldenberg – Banalstadt macht sich fit“. Die Veranstaltung bot eine kritische und zugleich humoristische Aufarbeitung des Spannungsfeldes zwischen administrativem Sparzwang (Stichwort: Haushaltssperre) und bürokratischer Realitätsferne.
Die Pfalzbibliothek als lebendiger Kultur- und Begegnungsort
Mit dieser Kooperation unterstrich die Pfalzbibliothek einmal mehr ihre Bedeutung als zentrale Institution des Bezirksverbands und offenes Forum in der Westpfalz. Neben ihrer Kernfunktion als fundierte Regionalbibliothek bietet das Haus regelmäßig eine Bühne für Kunst und regionalen Diskurs. Sie muss sich beständig der Zeit anpassen und lockt jüngere wie ältere Menschen mit einem Gaming-Treff sowie einer Digital-Sprechstunde für Fragen zu Tablet, Computer und Co. Nur zwei Programmpunkte von vielen.
Die Leiterin der Pfalzbibliothek, Claudia Germann, eröffnete die Veranstaltung und hieß die Gäste willkommen. Obwohl das parallel stattfindende, rege Treiben in der Innenstadt die Besucherresonanz an diesem Vormittag etwas schmälerte, bot die Bibliothek den würdigen Rahmen für ein launiges und interaktives Format, das Denkanstöße weit über den Tag hinaus lieferte.
Inhaltliche Schwerpunkte und das Konzept „Banalstadt“
Das Programm der Reading Heads nutzt das literarische Konstrukt der fiktiven Kommune „Banalstadt“, um reale administrative und finanzpolitische Missstände zu parodieren. Die beiden Akteure traten in den Rollen „Lunge“ (Bernd Ernst) und „Bizeps“ (Martin Seebald) auf. Ihr Vortrag thematisierte die strukturellen Probleme klammer Städte, in denen die personelle Ausstattung der Ämter zu eingeschränkten Öffnungszeiten führt und die Infrastruktur erhebliche Mängel aufweist.
Das Duo spitzte diese Realität durch hochkreative Lösungsansätze zu. So wurde unter anderem gefordert: „Alle Kulturveranstaltungen der Stadt im Jahr sollen an einem Tag stattfinden, um Geld zu sparen.“ Das übergeordnete politische Ziel der fiktiven Verwaltung wurde mit dem prägnanten Leitsatz zusammengefasst: „Banalstadt soll noch banaler werden.“
Durch Wortschöpfungen wie das Neubaugebiet „In den Miesen“, die Einkaufsmeile „Leerstandsallee“ sowie das Konzept der „Bedürfnisoptimierung“ beleuchteten die Künstler die Absurdität moderner Konsolidierungsmaßnahmen. Auch das Stadtmarketing wurde kritisch reflektiert, unter anderem mit dem Slogan: „Urlaub machen, wo andere vor die Hunde gehen.“
Szenische Umsetzung, Zitate und Publikumsinteraktion
Die Inszenierung war als erweitertes Lesetheater angelegt. Obwohl die Künstler den Text von einem anfangs fingerdicken Skript ablasen, brachen sie die statische Struktur einer klassischen Lesung konsequent auf. Dies geschah durch regelmäßige Kleidungswechsel, die Simulation behördlicher Situationen – wie dem Stehen vor der Stadtverwaltung – sowie durch virtuelle Stadtführungen.
In einer Szene, die den Verkehr im öffentlichen Raum thematisierte, bewegten sich die Akteure im Schneckentempo durch eine verkehrsberuhigte Zone, was zu Konflikten mit schnelleren Passanten führte:
Ernst (Lunge): „Schrittgeschwindigkeit!“
Seebald (Bizeps): „Wen meinen die denn damit?“
Ernst: „Uns nicht, wir sind ja drunter.“
Seebald: „Gestern hat mich ein Fußgänger verfolgt. Ich soll die 50 Meter zum Geldautomaten gefälligst laufen.“
Ernst: „Obwohl du gefahren bist? Total bescheuert.“
Zur Veranschaulichung der behördlichen Belastung wurden zudem ungewöhnliche Requisiten genutzt. Unter anderem führten die Künstler einen XXL-Kuschelbären mit, der im Verlauf des Stücks reanimiert wurde. In einer weiteren, stark überzeichneten Sequenz lief der Charakter „Bizeps“ mit einem Handbeil durch die Zuschauerreihen, um symbolisch administrative „Wasserköpfe“ abzuschlagen. Zur sportlichen Mobilisierung des Publikums im Sinne des fiktiven Fitnessprogramms erging der lautstarke Aufruf: „In die Puschen, ihr Luschen!“, gefolgt von der Aufforderung zu Kniebeugen.
Die Anwesenden wurde darüber hinaus direkt in den Vortrag einbezogen. Die Künstler präsentierten Pappkartons mit aufgemalten gesellschaftspolitischen Statements, welche von den anwesenden Gästen per Ja-Votum beantwortet werden konnten.
Fazit
Mit „Klimmzüge am Schuldenberg“ zeigten „The Reading Heads“ ein anspruchsvolles Kabarettformat, das trotz einer bisweilen skurrilen und fragmentierten Szenenstruktur ein treffendes Bild der kommunalen Finanzkrise zeichnete. Die scharfzüngigen Beobachtungen boten dem Publikum eine spitzfindige, wenn auch bitterböse Satire auf den modernen Verwaltungsstaat.
Info
In der Pfalzbibliothek kann man aktuell die neue Ausstellung „Guten Morgen, Herr Lehrer! – Schule in der Pfalz vom Kaiserreich bis heute“ besuchen. Passend dazu startete am 1.10. ein Erzählcafé, bei dem Besucher von ihrer Schulzeit berichten konnten. Mit dabei war die Autorin Renate Demuth.
