Foy­er der Pfalz­aka­de­mie. Foto: Peter Her­zer



Bericht von Bir­git Heid zum Autor­en­se­mi­nar am 17.10.2026 in der Pfalz­aka­de­mie Lam­brecht



Zum dies­jäh­ri­gen Autor­en­se­mi­nar in der Pfalz­aka­de­mie fan­den sich neun Autorin­nen und Autoren sowie zwei Gäs­te ein. Die Rei­hen­fol­ge der lesen­den Autorin­nen und Autoren wur­de spon­tan getrof­fen.


Ein Autor aus der Süd­pfalz star­te­te mit sei­nem Gedicht „Der alte Sekre­tär” das Pro­gramm. Das Gedicht behan­delt das The­ma des Ver­falls und der Ver­gäng­lich­keit der Lie­be und die lang­jäh­ri­gen Fol­gen des Lyri­schen Ichs in Form von Melan­cho­lie. Bespro­chen und kon­tro­vers dis­ku­tiert wur­den die Häu­fig­keit von Nomen in der Lyrik und von Wort­wie­der­ho­lun­gen. Gera­de am Zei­len­en­de, so die Mei­nung, soll­ten zu vie­le Nomen ver­mie­den wer­den, um dem Gedicht die Schwe­re zu neh­men.


Das zwei­te Gedicht von ihm lau­te­te „Elsass­hau­sen”. Ein Ort der Nie­der­la­ge der Fran­zo­sen 1871. Erwähnt wer­den im Gedicht die Mahn­ma­le, die die geschicht­li­chen Ereig­nis­se wider­spie­geln und die heu­ti­ge Stil­le sowie das Ver­ges­sen. Wir dis­ku­tier­ten über den Begriff des „glück­lo­sen Sol­da­ten” und boten anstel­le von „Die­se glück­lo­sen …” „Die unglück­li­chen …” an. Das Gedicht wur­de als gelun­gen bewer­tet.


Das wei­te­re Gedicht des Autors heißt „Trä­nen in den Alpen”. Es behan­delt den her­bei­ge­führ­ten Absturz des Flug­zeugs am 24.03.2015 in den Fran­zö­si­schen Alpen. Die Benen­nung der Vor­gän­ge des dama­li­gen Gesche­hens wech­seln sich mit Refle­xio­nen über den Ort und das Gesche­hen ab. Klei­ne Ver­bes­se­run­gen wur­den vom Audi­to­ri­um vor­ge­schla­gen. Ins­ge­samt wur­de es als sehr geglück­te Bal­la­de bezeich­net.


„Der Heim­weg”, lau­tet der Titel einer Erzäh­lung eines Speye­rer Autors. Die Super­markt-Mit­ar­bei­te­rin Petra been­det im Novem­ber spät­abends ihre Sams­tags­schicht und möch­te mit dem Auto nach Hau­se fah­ren. Da das Fahr­zeug jedoch nicht anspringt, beschließt sie, zu Fuß heim­zu­ge­hen.
Posi­tiv erwähnt wur­de das Nach­emp­fin­den weib­li­cher Ängs­te auf nächt­li­chen Stra­ßen, die jedoch nicht benannt wer­den, und die die Erzäh­lung zu einer sehr gelun­ge­nen Kurz­ge­schich­te machen. Die Beschrei­bung der Licht­ke­gel der Stra­ßen­lam­pen und die Wech­sel der eige­nen Schat­ten­ver­läu­fe wur­den aner­ken­nend bewer­tet, eben­so die Andeu­tun­gen der Emp­fin­dun­gen, die die Atmo­sphä­re unter­strei­chen.


Ein Autor aus Neu­stadt leg­te einen Absatz des letz­ten Teils einer Roman­tri­lo­gie vor. Sein Prot­ago­nist Iwan ist ein Land­strei­cher, der im August 1880 in Peters­burg an einem berühm­ten gemal­ten Pan­ora­ma vor­bei­kommt. Iwan war in sei­nem Leben in ange­se­he­nen Beru­fen tätig gewe­sen. Da er von den Men­schen als min­der­wer­ti­ger Bür­ger gese­hen wird, hat er einen Hass auf sie ent­wi­ckelt.
Die Erzäh­lung ist atmo­sphä­risch dicht geschrie­ben und wur­de als sehr gelun­gen bewer­tet. Die Dis­kus­si­ons­run­de wünsch­te dem Autor eine erfolg­rei­che Ver­öf­fent­li­chung des Romans.


Eine Geschich­te für Kin­der von vier bis sie­ben Jah­ren leg­te eine Autorin aus der Vor­der­pfalz vor. Ihr Titel lau­tet „Der neu­gie­ri­ge Son­nen­strahl”. Die­ser Titel­held will nicht mit sei­ner Mut­ter, der Son­ne, im Meer unter­ge­hen, son­dern bleibt am Strand zurück, um ein Aben­teu­er zu erle­ben.
Die Erzäh­lung wur­de als leb­haft und anschau­lich bezeich­net. Eini­ge klei­ne Details könn­ten ver­bes­sert wer­den. Die Gestalt des Strahls selbst bleibt im Dun­keln. Besteht er nur aus dem Licht­ke­gel oder ist auch eine Linie in der Luft zu sehen? In der Dis­kus­si­on wur­de an Son­nen­strah­len erin­nert, die durch das Laub der Bäu­me sicht­bar wer­den.


Der Text einer Autorin aus Land­au, ein Hai­bun, eine Misch­form von Pro­sa und Lyrik der japa­ni­schen Tra­di­ti­on, trägt den Titel „Quar­tett”. Vor­der­grün­dig ist es eine Rei­se­er­zäh­lung vom Kap Arko­na auf der Halb­in­sel Wit­tow auf Rügen. Nach einer Ein­lei­tung zum Ort ste­hen vier Leucht­tür­me unter­schied­li­cher his­to­ri­scher Her­kunft im Mit­tel­punkt. Ver­bun­den wird die The­ma­tik mit einem Quar­tett­spiel, das in Form von gele­gent­li­chen Anspie­lun­gen in sechs Hai­ku auf­taucht, die den Textab­sät­zen fol­gen.
Die Mischung aus Rei­se­be­schrei­bung und per­sön­li­cher Reak­ti­on wur­de als erfolg­reich bewer­tet. Die Ver­bin­dung von Pro­sa­text und Hai­ku könn­te etwas nach­voll­zieh­ba­rer gestal­tet wer­den.


Ein Schrift­stel­ler aus Hei­del­berg trug sei­ne Erzäh­lung „An einem Nach­mit­tag im Okto­ber” vor. Edu­ard betritt eine Knei­pe und trifft eine für ihn poten­zi­el­le Lie­bes­part­ne­rin mit einem sei­ner Bekann­ten an. Edu­ards Stim­mung sinkt abrupt, doch die bei­den rufen ihn zu sich an den Tisch.
Die­ser Text ver­deut­licht die Flüch­tig­keit, die Bezie­hun­gen haben kön­nen sowie Miss­ver­ständ­nis­se, die zu Unsi­cher­heit und wei­te­ren Miss­ver­ständ­nis­sen füh­ren kön­nen. Die Geschich­te wur­de anschau­lich und atmo­sphä­risch geschrie­ben, klei­ne iro­ni­sche Ein­spreng­sel ver­tie­fen das Emp­fin­den von Ver­ein­ze­lung. Eine beach­tens­wer­te Stu­die über das mög­li­che Leben in einer Groß­stadt.


Von einem Autor aus Schif­fer­stadt stammt das Gedicht „Vom wah­ren Unglau­ben”. Genannt wird im Ver­lauf der Stro­phen, was die genann­ten Per­so­nen aus­zeich­net. Die Wie­der­ho­lun­gen geben dem Poem die Anmu­tung eines Gebe­tes, dem Glau­bens­be­kennt­nis nicht unähn­lich, jedoch auch mit Anklän­gen an eine Lita­nei. Auf Vor­schlag einer Teil­neh­men­den lasen die meis­ten das Gedicht gemein­sam. Es war eine inter­es­san­te Erfah­rung.


Ein kur­zer Pro­sa­text die­ses Autors, mit dem Titel „Yodo­di­ne und Flo­pi”, wur­de vor­ge­stellt. In knap­pen wört­li­chen Reden ent­fal­tet sich ein Zukunfts­sze­na­rio, bei dem die genann­ten Prot­ago­nis­ten, die aus der Welt Onto­lo­gia stam­men, nun auf der Erde das zer­stö­re­ri­sche Trei­ben der Mensch­heit beob­ach­ten und es mit­hil­fe eines Viren­re­gens unter­bin­den sol­len. Mit Erfolg.
Die Teil­neh­men­den dis­ku­tier­ten über den Anfangs­satz und den Schluss-Halb­satz. Dar­über hin­aus wur­de über die beson­de­re Spe­zi­fi­ka­ti­on der Viren gespro­chen. Der Text wur­de als inter­es­sant und sprach­lich frisch bezeich­net.


Eine Autorin aus Wald­see leg­te ihren Text „Wei­ches Brot” vor. Ein Rad­fah­rer mitt­le­ren Alters möch­te auf der Land­stra­ße in die Kreis­stadt gelan­gen, um sich beim Arbeits­amt vor­zu­stel­len. Als er vor sich Glas­scher­ben und den ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen Was­ser­kas­ten sieht, hält er an und kehrt den Unrat mit Zwei­gen zur Sei­te.
Die Erzäh­lung kann eine Para­bel oder eine sur­rea­lis­ti­sche Geschich­te sein. Man­ches ist unrea­lis­tisch. Wenn die Erzäh­lung als Para­bel gedacht ist, könn­te der Auto­fah­rer als güns­ti­ges Schick­sal gese­hen wer­den. So lie­ßen sich auch die ande­ren Ele­men­te der Erzäh­lung inter­pre­tie­ren. Ins­ge­samt also ein sehr anre­gen­der Text.


Die­sel­be Autorin brach­te auch das Gedicht „Plas­tik­ge­schirr aus­tausch­bar” mit. Das Poem beinhal­tet einen Ver­gleich zwi­schen der Tie­fe von Kom­mu­ni­ka­ti­on und dem Besteck und Geschirr, das ver­wen­det wird. Hier steht das Plas­tik­ge­schirr für ober­fläch­li­che Schlag­wor­te und eine kon­tur­lo­se Spra­che. Das Audi­to­ri­um dis­ku­tier­te über mache ver­wen­de­ten Begriff­lich­kei­ten, bei­spiels­wei­se „aut­ark”. Es wur­de als wich­ti­ges Gedicht dekla­riert, auch, weil die Mensch­heit durch KI mani­pu­liert wird.


Die Erzäh­lung einer Autorin aus Stel­zen­berg trägt den Titel „Schmerz­lich will­kom­men”. Ein Pati­ent im War­te­zim­mer geht sei­nen ver­ächt­li­chen Gedan­ken nach. Klei­ne zyni­sche Spit­zen zur Auf­de­ckung der Wider­sprüch­lich­keit sei­ner Gedan­ken ver­tie­fen die Erzäh­lung.
Die Autorin frag­te, ob es sich mehr um Sati­re oder um Stamm­tisch­ge­dan­ken han­delt und was zu einer Sati­re fehlt. Eine Sati­re soll­te noch stär­ker über­trie­ben sein und vom Ich-Erzäh­ler abse­hen, befan­den meh­re­re Teil­neh­men­de. Ein guter Sati­ri­ker sei Chris­ti­an Ehring, der Miss­stän­de in Ver­glei­che umsetzt und die­se dann stark über­treibt.



In der letz­ten hal­ben Stun­de bespra­chen wir unse­re Ein­stel­lung zur Ver­wen­dung der KI:


  • Einig waren sich die Teil­neh­men­den, dass gene­ra­ti­ve KI im Ver­ein nicht ver­wen­det wer­den soll. KI-Tex­te haben kaum lite­ra­ri­sche Qua­li­tät. Die KI kann Tex­te nicht emo­tio­nal durch­drin­gen. KI darf nicht Ideen­ge­ber sein.
  • Hin­ge­gen sind Kor­rek­tur und Kri­tik bzw. Inter­pre­ta­ti­on durch­aus von eini­gen erwünscht.
  • Die Fra­ge blieb, wie mit dem „Bereich dazwi­schen” vor­ge­gan­gen wer­den soll, d.h., wenn man sich von der KI klei­ne Anre­gun­gen ver­schafft, die auch eine Per­son hät­te geben kön­nen. Bei z.B. über 5 % des Text­vo­lu­mens, das unter Zuhil­fe­nah­me von KI erstellt wur­de, soll­te eine ent­spre­chen­de Anmer­kung erfol­gen, wobei der genann­te Anteil sowohl will­kür­lich als auch kaum über­prüf­bar ist. Die eige­ne Urteils­kraft über ein von der KI beein­fluss­tes Ergeb­nis darf beim krea­ti­ven Schrei­ben nie­mals feh­len.
    Kann man, so eine Dis­kus­si­on, die The­se ste­hen las­sen, dass die KI die eige­ne Krea­ti­vi­tät tor­pe­diert? Schließ­lich drän­gen auch Ver­la­ge Autoren dazu, ihre eige­ne Krea­ti­vi­tät zuguns­ten von Ver­lags­vor­ga­ben anzu­pas­sen. Letzt­end­lich soll­te man das Bewusst­sein haben, dass KI-Ein­ga­ben das Sys­tem wei­ter ver­grö­ßern und dass die eige­nen Ideen kos­ten­los und urhe­ber­recht­lich unge­schützt ver­wen­det wer­den. Schließ­lich ver­ur­sacht die Künst­li­che Intel­li­genz auch erheb­li­che Umwelt­fol­gen.