
Lesung im Kabinett K2 Kaiserslautern am 29.12.25 mit Andreas Fillibeck und Christoph Justinger. Auf der Gitarre Hans Nauerz mit Liedermachern aus den politischen, friedensbewegten 1970–80ern wie Degenhardt, Dylan und Hannes Wader. Insbesondere Fillibeck summte, pfiff und sang sichtlich bewegt mit. Etwa dreißig Gäste freuten sich über die niveauvollen Beiträge, was einen großen Erfolg für den moderierenden Harald Michel bedeutete. Dieser gründete im Nov. 24 das K2 in der Königstr. 34 zusammen mit Klaus Hartmann, neben dem Belleville und „Am WebEnd” ein weiterer sehr erfolgreicher Kulturraum mit niedriger Hemmschwelle.
Fillibeck lautstark, manchmal schreiend mit effektvoller Gestik, trug Geschichten, aber nicht die Rezepte, aus seinem satirischen Kochbuch ”Robbenspeck an Gift und Galle” vor. In der ersten fürchtet der Kopfsalat Karl um sein Leben, denn die Menschen, darunter (sorry) Pazifisten, Grüne, „Bios” rücken mit dem Messer an, stechen drein, dazu das superstressige Dressing und das Verschlingen in Münder wie Höllenschlunde. Dante lässt grüßen! Was das gewünschte friedliche Hinwegdämmern in den Salathimmel ins grausame Gegenteil verkehrt. Die Kopfsalatgemeinschaft wehrt sich, indem sie aus der Erde allerlei ungenießbare oder gar giftige Substanzen saugt.
In einer weiteren Story dreht es sich um die Macht der Moleküle, sprich, um die molekulare Küche – wen macht das glücklich? Eine technisierte Verfeinerung der Kochkunst sozusagen, mit ihren Spitzfindigkeiten und kreativen Wortschöpfungen, die den Normalsterblichen doch zu abgehoben erscheinen.
Justinger, welcher 2005 den Martha-Saalfeld-Förderpreis erhielt, brachte bisher unveröffentlichte Texten mit, die er relativ leise, aber deutlich genug vortrug, die Hörer mitreißend in seinem Sog über diffizile Beobachtungen von Menschen am Rande der Gesellschaft, dazu eine surreale Bildwanderung und Kaffeehauskultur (der Literaten), nahezu nostalgisch, denn sein Cafè mit der Espressomaschine samt seinen Eingeweiden hat den Wandel der Zeit nicht überlebt. Dabei springt er oft in seiner Bildsprache von eher flüchtigen Gedankensegmenten zu präzisen Eindrücken, ähnlich wie sie durch Interruptionen durch Smartphones im Neokortex ausgelöst werden. Da empfiehlt es sich doch, seine Prosa nachzulesen, sowie ein Verlag gefunden wird. In einer Geschichte beleuchtet er die Gefühle von Rosa, die ihren Mann verloren hat. Dieser hatte zuvor einer S‑Bahn seine Lautsprecher-Durchsagestimme geliehen. Ein letztes Echo seiner vormaligen Existenz. Und Rosa nutzt es täglich, trägt aber während der Fahrt die Angst in sich, die Stimme könne wegen einer Baustelle gelöscht werden, da wäre wohl ein Upgrade denkbar.
Im Atelier waren neben der ständigen Ausstellung noch Bilder der O.T.O.N. (Ohne Titel – Ohne Namen) der Künstlerwerkgemeinschaft Kaiserslautern zu sehen (bis 31.12.)
Bücher:
Christoph Justinger:
- Eine Stimme im Haus, Kurzgeschichten. Rhein-Mosel-Verlag 2011
- Die Identitäten des März, Anthologiebeitrag. Heinz G. Hahs (Hrsg.). Rhein-Mosel-Verlag 2011
Andreas Fillibeck:
- Robbenspeck an Gift und Galle, Das erste satirische Kochbuch. Lutrina Verlag 2017
- Die Abenteuer des Spaceman X: Rosinante – New Science Fiction. Saphir im Stahl 2024
