Man­fred Dechert 2026 in Kai­sers­lau­tern. Foto: Peter Her­zer


Am 22. August führ­te Peter Her­zer mit Man­fred Dechert ein Inter­view in Kai­sers­lau­tern. Sie ken­nen sich seit Mit­te der 1980er Jah­re. Man­fred Dechert lebt in Lud­wigs­ha­fen-Frie­sen­heim und ist vor allem durch sei­ne Mund­art­dich­tung bekannt.


PH:  Vie­le Jah­re hast Du erfolg­reich Wohn­stubb-Lesun­gen samt kul­tu­rel­len Bei­trä­gen und inter­es­san­ten Dis­kus­sio­nen in Schma­len­berg und wenig spä­ter in Lud­wigs­ha­fen durch­ge­führt. Bedau­er­li­cher­wei­se wur­de die Tra­di­ti­on nicht fort­ge­setzt. Gibt es Grün­de hier­zu? Willst Du sie wie­der auf­neh­men?

MD: Der Bekann­ten­kreis ist mit den Jah­ren klei­ner gewor­den, älte­re sind gestor­ben, ande­re weg­ge­zo­gen, dazu kommt feh­len­des Inter­es­se. Ich wur­de damals von Anni Becker ange­regt, die einen Dich­ter- und Musik­kreis in ihrem Tripp­stad­ter Wochen­end­haus pfleg­te. Da fing ich 2002 in Schma­len­berg und Lud­wigs­ha­fen in der Wohn­stubb an. Es kam immer eine bun­te Mischung mit zehn, zwölf Leu­ten. Ich kann mich gut an Gerd Fors­ter und Bernd Ernst erin­nern. Zeit­wei­se spiel­te auch eine Band.



PH: Du pen­delst regel­mä­ßig zwi­schen der West­pfalz und der Metro­pol­re­gi­on Rhein-Neckar. Wo lie­gen dei­nes Erach­tens die kul­tu­rel­len Schwer­punk­te? Wo siehst Du eine Berei­che­rung?

MD: In Kai­sers­lau­tern gibt es eine fes­te, über­schau­ba­re Kul­tur­sze­ne. Seit den 80er bin ich in der Metro­pol­re­gi­on Rhein-Neckar ver­an­kert, es ist leich­ter, was Neu­es zu zei­gen, wie Poet­rys­lams.



PH: Planst Du irgend­wann eine Buch­ver­öf­fent­li­chung dei­ner Wer­ke? Brauchst Du da Unter­stüt­zung?
MD: Eher nicht. Mei­ne Tex­te sind zu schwer für Ein­zel­le­sun­gen und zu sper­rig für nor­ma­le Ver­la­ge. Self­pu­bli­shing wäre eine Opti­on, die mir jedoch nicht leicht fällt, auch schrei­be ich in pfäl­zisch. Wer kauft schon mei­ne Bücher?



PH: Du setzt dich aus huma­nis­ti­schen Grün­den für Men­schen am Ran­de der Gesell­schaft wie auch für Autoren ein, die sich in Grau­zo­nen bewe­gen, zuwei­len (ange­dach­te) rote Lini­en über­schrei­ten – und eckst dabei an. War­um?

MD: Als jun­ger Mann hat­te ich es mit Mühe geschafft, eige­ne Wege zu gehen, habe den Wehr­dienst ver­wei­gert, im Dorf war ich Außen­sei­ter, die ande­ren waren beim Bund, ja, das war wie die Faust aufs Auge. Ich pos­te Vide­os auf FB, bekom­me manch­mal dum­me Kom­men­ta­re, decke einen Bedarf an authen­ti­schen Bei­trä­gen für die Lite­ra­tur­sze­ne, Lesun­gen, wo man sich wie­der­erkennt, die den All­tag wider­spie­geln. In der Zeit nach mei­nem 50. Geburts­tag war eine Selbst­hil­fe­grup­pe aktiv, aber es gab auch Frust, wie man­che mit bestimm­ten The­men umge­hen. In Kai­sers­lau­tern ging es z. B. um Poli­tik.



PH: Wie schätzt Du die regio­na­le lite­ra­ri­sche Ent­wick­lung der letz­ten Jahr­zehn­te ein? Aktu­ell gibt es den New Adult-Hype oder den Rechts­ruck, Skan­da­le um Lite­ra­tur­prei­se.  In der Mund­art­sze­ne bist Du sehr erfolg­reich mit zahl­rei­chen Sie­gen und Plat­zie­run­gen in Wett­be­wer­ben. Fragst Du dich zuwei­len, ob es in der fort­fol­gen­den Gene­ra­ti­on noch eine leben­di­ge Mund­art­kul­tur geben wird, wie man­che dys­to­pisch pro­phe­zei­en?

MD: Die alte Gene­ra­ti­on stirbt weg, die nach­fol­gen­de hat Schwie­rig­kei­ten. Euro­pas Krie­ge rücken näher … Mei­ne The­men dre­hen sich teils um den Hei­mat­be­griff, da gibt es noch den Rechts­ruck, die AfD sehe ich kri­tisch.



PH:  Offen­bar hast Du schlech­te Erfah­run­gen mit Autor­en­se­mi­na­ren und bestimm­ten Autoren­grup­pen gemacht. Hat sich die Situa­ti­on gegen­wär­tig ver­bes­sert? Wird die Text­kri­tik nicht mehr so sehr mit per­sön­li­cher Her­ab­set­zung gewürzt?

MD: Das hängt von der Zusam­men­set­zung ab. Es gab oder gibt angriffs­lus­ti­ge Autoren­grup­pen. In man­chen Grup­pen domi­nie­ren Leh­rer und Aka­de­mi­ker.  Es war schwer, mit bestimm­ten emo­tio­na­len Tex­ten zu lan­den, es fand eine ver­kopf­te Dis­kus­si­on mit aka­de­mi­schen Gesichts­punk­ten statt. Theo Schnei­der aber z. B. gab sich Mühe, mei­nen Tex­ten gerecht zu wer­den …



PH: Wel­che his­to­ri­sche Per­sön­lich­keit wür­dest du ger­ne mal in einem Café tref­fen?

MD: Diet­rich Bon­hoef­fer


Man­fred, vie­len Dank für das inter­es­san­te Inter­view!


Extra zum The­ma Hei­mat­be­griff:

Spon­ta­nes Gespräch in Mund­art, wäh­rend des Inter­views von Man­fred Dechert initi­iert.


Man­fred Dechert:

Ja, also hier im Gespräch mit Peter Her­zer, Lite­ra­tur­kol­le­ge und Sek­ti­ons­lei­ter Lau­tern, Lite­ra­ri­scher Ver­ein. Ja, und wir sind grad hier (im Eis­ca­fé), haben uns über dies und das unter­hal­ten, und jetzt grad ein inter­es­san­tes The­ma, das ich ja auch immer ken­ne und mich beschäf­tigt: Hei­mat!
Peter, dei­ne Vor­stel­lung von Hei­mat, gibt’s da spon­tan einen Begriff?



Peter Her­zer:

Also, ich hat­te schon von mei­ner Her­kunft her Schwie­rig­kei­ten mit dem Hei­mat­be­griff. Mei­ne Mut­ter, Ver­trie­be­ne aus Schle­si­en – wur­de auch qua­si schle­sisch erzo­gen mit dem gan­zen Brauch­tum, mit den Sit­ten und da eigent­lich mein Vater so ein ech­ter Lau­te­rer war, da konn­te ich mich eigent­lich nicht so rich­tig iden­ti­fi­zie­ren. Und erst recht nicht nach so einer Art Revo­lu­ti­on in der Jugend­pha­se und wei­te­res, wo ich gar nichts damit zu tun haben woll­te mit den loka­len Gege­ben­hei­ten. Und dann, erst im Erwach­se­nen­al­ter, habe ich mich dann mit dem Hei­mat­be­griff stär­ker beschäf­tigt, weil ich nach einer Iden­ti­tät gesucht habe. Und die habe ich jetzt qua­si gefun­den in der „Alten Welt” in der Nord­pfalz. Also, da füh­le ich mich rich­tig gebor­gen. Also (des) hab ich so fest­ge­stellt: Ein­mal, ich hab das gemerkt, kam ich von Schwe­den vom Urlaub zurück und dann kam ich in die „Alte Welt”, also so Rich­tung Mei­sen­heim und da kamen so rich­tig star­ke Gefüh­le auf: Das waren Hei­mat­ge­füh­le! Also, ich habe mich da so rich­tig wohl gefühlt und seit­dem, von die­sen Emo­tio­nen her, den­ke ich da halt, daß ich mich da auch mal lite­ra­risch damit beschäf­ti­gen müß­te, wie das gan­ze Lite­ra­tur­le­ben da aus­sieht, Hei­mat­fes­te, ob’s da Trends gibt’s in eine Rich­tung, die mir nicht so beha­gen. Ob man dann die­sen gan­zen Kult för­dert, also dass man schwar­ze T‑Shirts trägt, wo Hei­mat ganz groß drauf steht. Dass das Pfäl­zi­sche so gesund ist, ist natür­lich schön, aber es könn­te auch von rech­ten Par­tei­en genutzt wer­den, so habe ich den Ein­druck, dass es sich da irgend­wie gegen­sei­tig auch ver­stär­ken mag.



Man­fred Dechert:

Ja, dan­ke erst­mal Peter, ja und jetzt mei­ne Deu­tung oder Mei­nung zum The­ma Hei­mat. Ja, Land­schaft, die Hin­ner­pfalz, Holz­land, bin ja in der Land­wirt­schaft groß gewor­den, Tie­re, die wir  frü­her hat­ten und über­haupt Ver­bun­den­heit mit älte­ren Nach­barn, mit eini­gen Leu­ten, Spra­che, aber auch zwie­späl­ti­ges Gefühl, weil Hei­mat und Hei­mat­lo­sig­keit auf­grund mei­ner Erfah­rung eng mit­ein­an­der ver­bun­den waren. Ich war Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer, die ande­ren beim Bund und da war ich sowie­so aus­ge­grenzt. Also für mich konn­te (das) die­ser Ort, wo ich her­kam, kei­ne Hei­mat mehr sein, man ließ mich das auch spü­ren, ja und jetzt, Oh Gott, jetzt suche ich mir eine neue Hei­mat, was aber wahr­schein­lich lebens­lang geht, weil die teil­wei­se in Spra­che in guten Gespräch mög­lich ist und Begeg­nung, aber oft auch nim­mer. In die­sem Sin­ne!




Bio­gra­fi­sche Notiz: Man­fred Dechert in Rhein-Neckar-Wiki