
Am 22. August führte Peter Herzer mit Manfred Dechert ein Interview in Kaiserslautern. Sie kennen sich seit Mitte der 1980er Jahre. Manfred Dechert lebt in Ludwigshafen-Friesenheim und ist vor allem durch seine Mundartdichtung bekannt.
PH: Viele Jahre hast Du erfolgreich Wohnstubb-Lesungen samt kulturellen Beiträgen und interessanten Diskussionen in Schmalenberg und wenig später in Ludwigshafen durchgeführt. Bedauerlicherweise wurde die Tradition nicht fortgesetzt. Gibt es Gründe hierzu? Willst Du sie wieder aufnehmen?
MD: Der Bekanntenkreis ist mit den Jahren kleiner geworden, ältere sind gestorben, andere weggezogen, dazu kommt fehlendes Interesse. Ich wurde damals von Anni Becker angeregt, die einen Dichter- und Musikkreis in ihrem Trippstadter Wochenendhaus pflegte. Da fing ich 2002 in Schmalenberg und Ludwigshafen in der Wohnstubb an. Es kam immer eine bunte Mischung mit zehn, zwölf Leuten. Ich kann mich gut an Gerd Forster und Bernd Ernst erinnern. Zeitweise spielte auch eine Band.
PH: Du pendelst regelmäßig zwischen der Westpfalz und der Metropolregion Rhein-Neckar. Wo liegen deines Erachtens die kulturellen Schwerpunkte? Wo siehst Du eine Bereicherung?
MD: In Kaiserslautern gibt es eine feste, überschaubare Kulturszene. Seit den 80er bin ich in der Metropolregion Rhein-Neckar verankert, es ist leichter, was Neues zu zeigen, wie Poetryslams.
PH: Planst Du irgendwann eine Buchveröffentlichung deiner Werke? Brauchst Du da Unterstützung?
MD: Eher nicht. Meine Texte sind zu schwer für Einzellesungen und zu sperrig für normale Verlage. Selfpublishing wäre eine Option, die mir jedoch nicht leicht fällt, auch schreibe ich in pfälzisch. Wer kauft schon meine Bücher?
PH: Du setzt dich aus humanistischen Gründen für Menschen am Rande der Gesellschaft wie auch für Autoren ein, die sich in Grauzonen bewegen, zuweilen (angedachte) rote Linien überschreiten – und eckst dabei an. Warum?
MD: Als junger Mann hatte ich es mit Mühe geschafft, eigene Wege zu gehen, habe den Wehrdienst verweigert, im Dorf war ich Außenseiter, die anderen waren beim Bund, ja, das war wie die Faust aufs Auge. Ich poste Videos auf FB, bekomme manchmal dumme Kommentare, decke einen Bedarf an authentischen Beiträgen für die Literaturszene, Lesungen, wo man sich wiedererkennt, die den Alltag widerspiegeln. In der Zeit nach meinem 50. Geburtstag war eine Selbsthilfegruppe aktiv, aber es gab auch Frust, wie manche mit bestimmten Themen umgehen. In Kaiserslautern ging es z. B. um Politik.
PH: Wie schätzt Du die regionale literarische Entwicklung der letzten Jahrzehnte ein? Aktuell gibt es den New Adult-Hype oder den Rechtsruck, Skandale um Literaturpreise. In der Mundartszene bist Du sehr erfolgreich mit zahlreichen Siegen und Platzierungen in Wettbewerben. Fragst Du dich zuweilen, ob es in der fortfolgenden Generation noch eine lebendige Mundartkultur geben wird, wie manche dystopisch prophezeien?
MD: Die alte Generation stirbt weg, die nachfolgende hat Schwierigkeiten. Europas Kriege rücken näher … Meine Themen drehen sich teils um den Heimatbegriff, da gibt es noch den Rechtsruck, die AfD sehe ich kritisch.
PH: Offenbar hast Du schlechte Erfahrungen mit Autorenseminaren und bestimmten Autorengruppen gemacht. Hat sich die Situation gegenwärtig verbessert? Wird die Textkritik nicht mehr so sehr mit persönlicher Herabsetzung gewürzt?
MD: Das hängt von der Zusammensetzung ab. Es gab oder gibt angriffslustige Autorengruppen. In manchen Gruppen dominieren Lehrer und Akademiker. Es war schwer, mit bestimmten emotionalen Texten zu landen, es fand eine verkopfte Diskussion mit akademischen Gesichtspunkten statt. Theo Schneider aber z. B. gab sich Mühe, meinen Texten gerecht zu werden …
PH: Welche historische Persönlichkeit würdest du gerne mal in einem Café treffen?
MD: Dietrich Bonhoeffer
Manfred, vielen Dank für das interessante Interview!
Extra zum Thema Heimatbegriff:
Spontanes Gespräch in Mundart, während des Interviews von Manfred Dechert initiiert.
Manfred Dechert:
Ja, also hier im Gespräch mit Peter Herzer, Literaturkollege und Sektionsleiter Lautern, Literarischer Verein. Ja, und wir sind grad hier (im Eiscafé), haben uns über dies und das unterhalten, und jetzt grad ein interessantes Thema, das ich ja auch immer kenne und mich beschäftigt: Heimat!
Peter, deine Vorstellung von Heimat, gibt’s da spontan einen Begriff?
Peter Herzer:
Also, ich hatte schon von meiner Herkunft her Schwierigkeiten mit dem Heimatbegriff. Meine Mutter, Vertriebene aus Schlesien – wurde auch quasi schlesisch erzogen mit dem ganzen Brauchtum, mit den Sitten und da eigentlich mein Vater so ein echter Lauterer war, da konnte ich mich eigentlich nicht so richtig identifizieren. Und erst recht nicht nach so einer Art Revolution in der Jugendphase und weiteres, wo ich gar nichts damit zu tun haben wollte mit den lokalen Gegebenheiten. Und dann, erst im Erwachsenenalter, habe ich mich dann mit dem Heimatbegriff stärker beschäftigt, weil ich nach einer Identität gesucht habe. Und die habe ich jetzt quasi gefunden in der „Alten Welt” in der Nordpfalz. Also, da fühle ich mich richtig geborgen. Also (des) hab ich so festgestellt: Einmal, ich hab das gemerkt, kam ich von Schweden vom Urlaub zurück und dann kam ich in die „Alte Welt”, also so Richtung Meisenheim und da kamen so richtig starke Gefühle auf: Das waren Heimatgefühle! Also, ich habe mich da so richtig wohl gefühlt und seitdem, von diesen Emotionen her, denke ich da halt, daß ich mich da auch mal literarisch damit beschäftigen müßte, wie das ganze Literaturleben da aussieht, Heimatfeste, ob’s da Trends gibt’s in eine Richtung, die mir nicht so behagen. Ob man dann diesen ganzen Kult fördert, also dass man schwarze T‑Shirts trägt, wo Heimat ganz groß drauf steht. Dass das Pfälzische so gesund ist, ist natürlich schön, aber es könnte auch von rechten Parteien genutzt werden, so habe ich den Eindruck, dass es sich da irgendwie gegenseitig auch verstärken mag.
Manfred Dechert:
Ja, danke erstmal Peter, ja und jetzt meine Deutung oder Meinung zum Thema Heimat. Ja, Landschaft, die Hinnerpfalz, Holzland, bin ja in der Landwirtschaft groß geworden, Tiere, die wir früher hatten und überhaupt Verbundenheit mit älteren Nachbarn, mit einigen Leuten, Sprache, aber auch zwiespältiges Gefühl, weil Heimat und Heimatlosigkeit aufgrund meiner Erfahrung eng miteinander verbunden waren. Ich war Kriegsdienstverweigerer, die anderen beim Bund und da war ich sowieso ausgegrenzt. Also für mich konnte (das) dieser Ort, wo ich herkam, keine Heimat mehr sein, man ließ mich das auch spüren, ja und jetzt, Oh Gott, jetzt suche ich mir eine neue Heimat, was aber wahrscheinlich lebenslang geht, weil die teilweise in Sprache in guten Gespräch möglich ist und Begegnung, aber oft auch nimmer. In diesem Sinne!
Biografische Notiz: Manfred Dechert in Rhein-Neckar-Wiki
