Foto: Mari­on Tausch­witz




Interview von Peter Herzer mit Marion Tauschwitz, 30.9.26


Mari­on Tausch­witz begeg­ne­te ich vor Jah­ren zum ers­ten Mal bei einer Lesung über Hil­de Domin. Ich war eigens von Kai­sers­lau­tern nach Mann­heim in den Kano­nen­ku­gel­gar­ten des Reiss-Engel­horn-Muse­ums (REM) ange­reist. Die Bedin­gun­gen vor Ort waren leb­haft: Ich saß ganz hin­ten, ver­stand wegen spie­len­der Kin­der um mich her­um akus­tisch kaum die Hälf­te, doch die Atmo­sphä­re ließ mich nicht los. Nach dem Ende der Ver­an­stal­tung trat ich an die Büh­ne. Mit mei­nen zwei Metern Kör­per­grö­ße muss­te ich merk­lich zu ihr hin­auf­schau­en – wäh­rend mich auf den dort aus­ge­stell­ten Fotos das Ant­litz der geal­ter­ten Domin wie auch das der jun­gen Hei­del­ber­ger Stu­den­tin glei­cher­ma­ßen anblick­te. Die­ses ers­te, kur­ze Gespräch weck­te in mir eine tie­fe Neu­gier auf mehr.

In der Fol­ge­zeit kreuz­ten sich unse­re Wege immer wie­der: auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se, auf dem Hei­del­ber­ger Berg­fried­hof oder im Krei­se der GEDOK Hei­del­berg. Im Som­mer besuch­te ich das Deut­sche Lite­ra­tur­ar­chiv Mar­bach, wo ich mich inten­siv mit dem Archi­var über Dom­ins Schrif­ten unter­hielt.
Über die Jah­re lern­te ich Mari­on Tausch­witz vor allem wegen ihrer enga­gier­ten, reso­lu­ten und sym­pa­thi­schen Per­sön­lich­keit immer mehr schät­zen. Nach dem Erschei­nen der über­ar­bei­te­ten Neu­aus­ga­be ihrer Bio­gra­fie über Sel­ma Mer­baum durf­te ich schließ­lich Pas­sa­gen ihres Buches für eine Geden­k­le­sung zu den Ver­bre­chen des Natio­nal­so­zia­lis­mus in Land­au nut­zen.


Freu­en Sie sich auf einen tief­grün­di­gen Dia­log und erfah­ren Sie mehr über die Autorin.


Weißt Du, woher der Name Tausch­witz stammt?


Ich weiß, dass ein Ort, der in Mit­tel­deutsch­land liegt, 1295 erst­mals urkund­lich auf­ge­führt wur­de und im Mit­tel­al­ter zum Klos­ter Mühl­berg gehör­te. Bis 1928 gehör­te Tausch­witz zum Kreis Lie­ben­wer­da.

Aber dann gab es wohl eine Linie, die nach Nord­deutsch­land aus­wan­der­te und sich in Ham­burg ansie­del­te. Die­sem Zweig ent­stamm­te die Fami­lie mei­nes Man­nes. Die Tausch­witz-Fami­lie ist Trä­ge­rin des Ham­bur­ger Bür­ger­briefs, der jeweils an den Erst­ge­bo­re­nen Sohn wei­ter­ge­ge­ben wird. 


 

Wel­che Bedeu­tung hat­te für dich und all­ge­mein die Hei­del­ber­ger Aus­stel­lung im Feb./März 2026 über Hil­de Domin? Was bleibt?


Am Anfang stand der Gedan­ke der Erin­ne­rung.

Es jähr­te sich ja Hil­de Dom­ins Todes­tag zum 20. Mal. Im krea­ti­ven Gespräch mit dem Hei­del­ber­ger Kul­tur­amt erwuchs dar­aus ein bemer­kens­wer­tes Pro­jekt, das wir unter das poe­ti­sche Prin­zip des „Den­noch“ stell­ten: Hoff­nung und Stand­hal­ten trotz Exi­len, Ver­lus­ten und Brü­chen.

Ich war Kura­to­rin der Aus­stel­lung und hat­te in Ste­fan Kaum­köt­ter vom Kul­tur­amt einen begeis­ter­ten, enga­gier­ten Co-Kura­tor.

Und dann begann eine rasan­te Ent­wick­lung: Wir sam­mel­ten Ideen und Doku­men­te und Erin­ne­rungs­stü­cke, inte­grier­ten digi­ta­le Medi­en mit Ori­gi­nal­auf­nah­men Dom­ins, rekon­stru­ier­ten ihr Arbeits­zim­mer ori­gi­nal­ge­treu, schlepp­ten Ori­gi­nal­do­ku­men­te und gesi­cher­te Vitri­nen her­an (Kraft­ak­te) und schu­fen eine ein­zig­ar­ti­ge Aus­stel­lung, die mehr als 2000 Besu­cher und Besu­che­rin­nen anzog. Pfar­rer Dr. Vin­cen­zo Petrac­ca, der Citypfar­rer von Hei­del­berg, war mit einem Fest­got­tes­dienst sofort mit dabei. Die Hei­del­ber­ger Tages­zei­tung RNZ beglei­te­te das Pro­jekt wohl­wol­lend in ihrem Medi­um mit Bericht­erstat­tung, Foto­stre­cken und einem gro­ßen RNZ-Forum (das nach zwei Stun­den aus­ge­bucht war), das Chef­re­dak­teur Klaus Wel­zel mode­rier­te und für das ich Jago­da Mari­nic, Alei­da Ass­mann und den Regis­seur und Schau­spie­ler Mar­cel Koh­ler gewin­nen konn­te.

Ja, über­haupt zogen kul­tur­in­ter­es­sier­te Insti­tu­tio­nen ein­drucks­voll mit: das Café Schaf­heut­le (Dom­ins Lieb­lings­ca­fé) war zu einer Kaf­fee­haus-Lesung bereit – auch die, sofort aus­ver­kauft – und kre­ierte eigens ein klei­nes Tört­chen, das „Domin­chen“ mit Dom­ins Namen in der Mar­zi­pan­gla­sur. Das Völ­ker­kun­de­mu­se­um lieh uns media­le Schau­käs­ten, das Muse­um der Stadt Eber­bach die groß­ar­ti­gen Vitri­nen, das Lite­ra­tur­ar­chiv Mar­bach wert­vol­le Doku­men­te aus dem Bestand Domin, das Kur­pfäl­zi­sche Muse­um stell­te alle Leih­ga­ben rund um Dom­ins Schreib­tisch zur Ver­fü­gung. Und das Muse­um Haus Cajeth hielt sei­ne wun­der­ba­ren Räu­me für die Aus­stel­lung frei. Die Jugend­kunst­schu­le setz­te sich künst­le­risch mit Dom­ins Vers „nicht müde wer­den“ aus­ein­an­der, ein Stra­ßen­na­me im neu­en Vier­tel in Rohr­bach trägt nun Hil­de Dom­ins Namen und mit Unter­stüt­zung der Bür­ger­stif­tung ein hin­wei­sen­des Stra­ßen­schild.

Der Wein­hei­mer ach­ter Ver­lag brach­te anläss­lich des 20. Todes­tags mein Gedenk-Büch­lein mit Dom­ins schöns­ten Gedan­ken und Wort­bil­dern her­aus: „Lass uns wie­der Wol­ken­hir­ten sein“. Ein klei­nes, fei­nes Buch, das sich wie eine Pra­li­nen­aus­wahl genie­ßen lässt.

Wir hat­ten im Pro­gramm Satel­li­ten-Ver­an­stal­tun­gen mit Stadt­füh­run­gen, Vor­trä­gen in Wil­helms­feld und im Ger­ma­nis­ti­schen Semi­nar und Füh­run­gen über Füh­run­gen im Muse­um Haus Cajeth, die immer mehr inter­es­sier­te Gäs­te anzo­gen – zuletzt kamen zu den sams­täg­li­chen The­men-Füh­run­gen nahe­zu 100 Men­schen. Füh­run­gen waren nicht mehr mög­lich und wur­den zu Vor­trä­gen…  Ste­fan Kaum­köt­ter gelang es, mit dem Lan­des­amt für Denk­mal­pfle­ge eine Gedenk­pla­ket­te geneh­mi­gen zu las­sen, die am Haus von Dom­ins Stu­den­ten­woh­nung in der Karls­stra­ße 16 fei­er­lich ange­bracht wur­de.

Und was bleibt außer der Erin­ne­rung an die groß­ar­ti­ge Aus­stel­lung? Ja, das Bes­te kommt zum Schluss. Der Erfolg der Aus­stel­lung und das unge­bro­che­ne Inter­es­se an der gro­ßen Nach­kriegs­dich­te­rin führ­ten zu einem tol­len Resul­tat: Hil­de Dom­ins Schreib­tisch mit allen Uten­si­li­en muss nicht wie­der auf den Spei­cher des Kur­pfäl­zi­schen Muse­ums zurück! Dank der Initia­ti­ve von Ste­fan Kaum­köt­ter und des Stu­di­en­haus­lei­ters Dr. Göt­ze hat das rekon­stru­ier­te Arbeits­zim­mer eine neue Hei­mat im Mora­ta-Haus gefun­den. Unmit­tel­bar vor den Räum­lich­kei­ten, in denen die Kunst­his­to­ri­ke­rin Han­na Gri­se­bach ihre Gale­rie betrie­ben hat­te. Gri­se­bach hat­te die Rück­ho­lung von Hil­de und Erwin Palm aus der Domi­ni­ka­ni­schen Repu­blik bewirkt – ein Kreis schließt sich. Der Ort wird mit Leben gefüllt wer­den, sprich regel­mä­ßi­gen zwei­mo­nat­li­chen Lesun­gen und Vor­trä­gen. Die Plä­ne sind schon weit gereift.



Du hast dich 2021 als PEN-Prä­si­den­tin bewor­ben. Was waren dei­ne Beweg­grün­de? Nur weni­ge wis­sen, dass sich der PEN für poli­tisch ver­folg­te Schrift­stel­ler aus aller Welt ein­setzt.



Ich habe mich nicht bewor­ben. Ich wur­de von dem dama­li­gen Prä­si­di­um nach Darm­stadt ein­ge­la­den und dort befragt, ob ich mir vor­stel­len könn­te, als PEN-Prä­si­den­tin zu kan­di­die­ren. Da ich zur PEN-Char­ta ste­he, die Inhal­te des PEN als Mit­glied ver­tre­te, habe ich nach aus­führ­li­cher Bedenk­zeit zuge­sagt, wohl wis­send, dass mit dem Jour­na­lis­ten Deniz Yücel ein schwer­ge­wich­ti­ger Gegen­kan­di­dat auf­ge­stellt wor­den war. Aber um die Wahl zur ech­ten Wahl wer­den zu las­sen, habe ich mich dar­auf ein­ge­las­sen, hat­te 1/3 Drit­tel der Stim­men erhal­ten. Yücel trat nach einem knap­pen hal­ben Jahr vom Amt zurück und ver­ließ den PEN Deutsch­land.



Was soll­te heut­zu­ta­ge einen Inde­pen­dent-Ver­le­ger/in aus­ma­chen? Dabei mei­ne ich nicht die Ide­al­vor­stel­lung.


Na ja, ich gehe schon von einer Ide­al­vor­stel­lung aus. Ein Inde­pen­dent-Ver­le­ger ist zu aller­erst ein­mal ein Ver­le­ger. Ein guter, enga­gier­ter Ver­le­ger, der über das Know-How des Buch­ma­chens bes­tens Bescheid und die Risi­ken des Buch­markts ein­zu­schät­zen weiß. Ger­ne zitie­re ich die Aus­sa­ge mei­nes Ver­le­gers Diet­rich zu Klam­pen, der mit einem tol­len Team – ohne das geht das nicht – den zuKlam­pen Ver­lag führt.

„Mit fröh­li­cher Ent­schlos­sen­heit, hin und wie­der Glück, viel Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz und manch­mal auch einem gewis­sen Geschick hat sich der zu Klam­pen Ver­lag in die­sen Ver­än­de­run­gen behaup­ten kön­nen.“

Dass die­se Ein­stel­lung geschätzt wird, zeigt sich: Gera­de wur­de dem Ver­lag zu Klam­pen der Ver­lags­preis 2026 ver­lie­hen.



Ich hab da was mit­be­kom­men … an wel­chem Buch­pro­jekt schmie­dest du gera­de?


Oh ja, schmie­den ist ein gutes Bild für mein aktu­el­les Buch­pro­jekt: die Bio­gra­fie über Hed­wig Mauth­ner, ali­as Hari­ett Straub, die zur Frank­fur­ter Buch­mes­se 2027 im Ver­lag zu Klam­pen erscheint. Der Ver­trag ist unter­schrie­ben.

Ich arbei­te dar­an seit 9 Jah­ren, reis­te Hed­wigs Lebens­sta­tio­nen hin­ter­her, wur­de aber immer wie­der durch spon­ta­ne Anfra­gen zu Bei­trä­gen oder Buch­pro­jek­ten beim Schrei­ben unter­bro­chen.

Aber nun soll das Werk gelin­gen: ein span­nen­des, ein dra­ma­ti­sches Frau­en­le­ben blät­te­re ich auf. Das Buch hät­te das Zeug zu einer Roman­bio­gra­fie. Doch bewusst ver­zich­te ich auch hier wie­der auf die Fik­ti­on: mei­ne Recher­chen brach­ten so vie­le neue – darf ich sagen, wert­vol­le – Erkennt­nis­se zuta­ge, dass ich es ein­fach zu scha­de fän­de, sie mit Fik­tio­nen zu mischen.



Sind Ver­net­zun­gen von Autor*innen ange­sichts des Rechts­rucks beson­ders not­wen­dig?


Ja, Ver­net­zun­gen sind gene­rell wich­tig. Nicht nur ange­sichts des Rechts­rucks. Aber gera­de in Hin­blick auf unde­mo­kra­ti­sches Stre­ben nach Herr­schaft, die die Kul­tur zu Ein­heits­brei ein­ko­chen will, den Lek­tü­re­ka­non aus­he­beln will, ist es wich­tig, dass wir Schrei­ben­den unse­re Stim­me erhe­ben, vor Dys­to­pien war­nen und uns ein­mi­schen, ein­brin­gen. So kann, so muss, so wird die Frei­heit der Kunst bewahrt wer­den. 

Wel­che his­to­ri­sche Per­sön­lich­keit wür­dest du ger­ne mal in einem Café ken­nen­ler­nen?


Hil­de­gard von Bin­gen oder Inge­borg Bach­mann


Dei­ne Novel­le „Schlägt die Nach­ti­gall am Tag“ erin­nert mich stark an eine Auf­füh­rung des „Mes­si­as“ in einem Wie­ner Thea­ter. (Auch) dort wirk­te es auf mich wie eine Mischung aus Wun­der und Schre­cken. – „Nicht müde wer­den“, das ist doch wohl auch dein Leit­spruch?

Na ja, die Novel­le ist sicher­lich mein per­sön­lichs­tes Buch, in dem ich den plötz­li­chen Tod mei­nes Man­nes vor nun mehr als 35 Jah­ren ver­ar­bei­te­te. Auch hier nahm ich mir Zeit, schrieb erst nach 20 Jah­ren dar­über, um emo­tio­nal Abstand zu gewin­nen, damit aus einer Lebens­er­fah­rung Lite­ra­tur wer­den kann, die Mut und Trost zugleich gibt.

Ja, Hil­de Domin und ich waren uns in man­cher Hin­sicht ähn­lich und nah – und dazu gehör­te auch der unver­lier­ba­re Opti­mis­mus, der in Dom­ins Zei­len so wun­der­bar und zeit­los lebt:

Nicht müde wer­den

son­dern dem Wun­der

lei­se

wie einem Vogel

die Hand hin­hal­ten


Kurzinfo


Mari­on Tausch­witz stu­dier­te Ger­ma­nis­tik und Anglis­tik an der Ruprecht-Karls-Uni­ver­si­tät Hei­del­berg, arbei­te­te vor ihrer Schrift­stel­ler-Tätig­keit als Gym­na­si­al­leh­re­rin und Dozen­tin.

Sie war engs­te Ver­trau­te und Mit­ar­bei­te­rin der bekann­ten Nach­kriegs­ly­ri­ke­rin Hil­de Domin und leg­te deren viel­be­ach­te­te Stan­dard­bio­gra­fie „Hil­de Domin. Dass ich sein kann, wie ich bin“ zu deren ein­hun­derts­tem Geburts­tag vor. Drei wei­te­re Domin-Bücher folg­ten.

Die erwei­ter­te Neu­auf­la­ge ihrer Bio­gra­fie zum 100. Geburts­tag 2024 der jüdi­schen Dich­te­rin Sel­ma Mer­baum „Ich habe kei­ne Zeit gehabt zuen­de zu schrei­ben“ mach­te Furo­re.   

2015 – Wahl zur Autorin des Jah­res.

2018 – Beru­fung in das PEN-Zen­trum Deutsch­land.

Mit­glied des VS Baden-Würt­tem­berg, 1. Vor­sit­zen­de der GEDOK Hei­del­berg e.V.

Home­page: www.marion-tauschwitz.de

Mari­on Tausch­witz – Sitz­buch­weg 43 – 69118 Hei­del­berg – 0049 6221/80 54 37 – mobil: 0176 20735283
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