
Foto: Peter Herzer
Am Mittwoch, den 7. Oktober, lud das Kulturzentrum Kammgarn ab 20 Uhr zum beliebten Poetry Slam „Kamm ON!“ in die gut gefüllte Schreinerei ein. Nach den vorangegangenen rheinland-pfälzischen Meisterschaften handelte es sich um das erste reguläre Turnier der neuen Saison. Rund 75 Gäste erlebten einen knapp 2,5‑stündigen Abend, der sich gewohnt abwechslungsreich, tiefgründig, kritisch und humorvoll präsentierte, dazu peppige Musik und Light-Showeffekte.
Durch den Abend führte der erfahrene rheinland-pfälzische Poetry-Slam-Champion Phriedrich Chiller, der das Format bereits seit fünf Jahren moderiert. Zu Beginn erklärte er dem Publikum die Grundregeln des Wettbewerbs:
- Die Texte müssen komplett selbst verfasst sein.
- Es dürfen keinerlei Requisiten oder Kostüme verwendet werden.
- Die reine Redezeit ist auf sechseinhalb Minuten pro Teilnehmer begrenzt.
- Gesang ist nicht gestattet. Bei Zitaten muss die Quelle genannt werden.
Das bewährte Konzept von „Kamm ON!“ sieht vor, dass sich etablierte Bühnenprofis aus ganz Deutschland mit lokalen Talenten messen. Vier Startplätze im achtköpfigen Feld sind dabei fest für Wortkünstler aus der Region reserviert.
Um die Lautstärke des finalen Applauses zu eichen, übte der Moderator vorab mit den Gästen eine Bewertungsskala von 1 (niedrigste Stufe des Respekts) bis 9. Die hypothetische Höchststufe erklärte Chiller so: Bei einer Lautstärke von 10 wäre „der FCK aufgestiegen und hätte gleich den Titel geholt, Backwaren gäbe es frei und ein Autokorso zöge frenetisch jubelnd durch die Kreisel. Und es hagelt Rehe! (laut dem damaligen Meistertrainer Rehhagel)“.
Der Wettbewerb war in zwei Runden in je vier Teilnehmenden unterteilt, aus denen das Publikum per Applaus die Finalisten kürte.
In der ersten Gruppe überzeugte die Ludwigshafenerin Edith Brünnler. Sie widmete sich in einem humorvollen, rap-ähnlichen Vortrag in Versform den Tücken des modernen Smart Homes. Angesichts von KI und Sprachassistenten hinterfragte sie kritisch, wie sie ohne diese noch auskommen solle. Die Rollläden werden vollautomatisch hoch- und runtergefahren, die Heizung reguliert und der beste Kaffee gekocht. Alexa denkt für alles mit und voraus. Zudem empfiehlt der Bot, ein Treffen zu einem Schorle (ohne Smartphone!) mit ihrer besten Freundin abzusagen.
Aus Kaiserslautern trat zudem Marius Altmeier an, der in seinem lyrischen, sich teils reimenden Text eine Zoey (aus der Familie) mit der griechischen Sage des Ikarus und dem Trojanischen Pferd verknüpfte. Er schloss mit dem Satz: „Wo kein Sinn keine Option ist.“
Amelie Bachmann (ebenfalls Kaiserslautern) warf anhand eines Fragenkatalogs tiefgründige gesellschaftliche Fragen auf, z. B. „Wieviel Geld braucht man zum Leben?” – „Was macht das Haus zu einem Zuhause?“
Der bayerische Teilnehmer Thomas Eiwen strapazierte die Lachmuskeln mit einem humorvollen Text über die herbstliche Kürbissuppe, die sich eigentlich „nur mit Schnaps verdaulich gemacht werden kann“. Soll man sie für das ganze Jahr einfrieren?
Fatih Serbest (Mainz) thematisierte emotional und frei sprechend die Nöte von Geflüchteten und globale Missstände. Er rief dazu auf, wütend zu werden, da die Welt nicht nur wegen des Klimas brenne. Und setzte sich für Toleranz und Empathie ein.
Sarah Angelmahr aus Bad Dürkheim beleuchtete die digitale Scheinwelt von Jugendlichen. Sie gestaltet selbst Poetry-Slam-Wettbewerbe und hatte einen Brief aus der Perspektive einer 15-Jährigen dabei. Es geht um Selbstentblößung auf Instagram. Man wird digital projiziert in St. Moritz und Laos, vorgeschoben werden die perfekten Menschen, die es so gar nicht gibt. Fängt man an, für Instagram zu leben, oder ist das Leben schon Instagram bei 24/7 Verfügbarkeit?
Die Saarbrückerin Clara Brill begeisterte mit einem amüsanten Text in Mundart über die korrekte Aussprache von „Zucchini“. Sie stößt dabei außerhalb des Saarlands auf sprachliche Korrekturen. Hat sie die falschen Worte und Sätze gelernt? Wichtig ist doch Maggi am Schluss! Clara Brill ist saarländische Poetry-Slam-Siegerin und organisiert eigene Wettbewerbe.
Komplettiert wurde das Feld von Mara Lena Koch (Mainz), die mit einer Prise ironischer Distanz ein Tagebuch-Zwiegespräch über einen Auftritt in einem „Kuhdorf“ und weitere Themen präsentierte. Koch wechselt gern in die Metaebene.
Ins Finale wählte das Publikum schließlich Edith Brünnler und Clara Brill, die beide bereits versierte Künstlerinnen sind.
Edith Brünnler, von Moderator Chiller anerkennend als „Godmother of Pfälzisch Rap“ betitelt, schilderte im Finale eine alltägliche Szene über einen leeren Kühlschrank und fortfolgend das geschickte Vordrängeln in langen Schlangen beim Metzger oder Bäcker. Es gibt Proteste, doch sie findet flott vor allem für sich selbst(!) plausible Gründe.
Clara Brill konterte mit einem (diesmal) hochdeutschen, sprachlich eloquenten und intensiven Vortrag über distanzlose Begegnungen auf dem Dancefloor. Der Tanzpartner riecht, schwitzt und greift der Protagonistin mit den Händen an die Wäsche. Doch sie weiß sich zu wehren.
Brill warf schließlich witzig ein: Verfolgt mich auf Instagram und nicht leibhaftig!
Am Ende des Abends lag Clara Brill in der Gunst des Publikums vorn und durfte unter großem Applaus den begehrten „Goldenen Kamm“ mit nach Hause nehmen.
„Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.“
— Alexander von Humboldt
