v.l.: Phried­rich Chil­ler, Mara Lena Koch, Sarah Angel­mahr, Edith Brünn­ler, Cla­ra Brill, Ame­lie Bach­mann, Mari­us Alt­mei­er, Fatih Ser­best und Tho­mas Eiwen.
Foto: Peter Her­zer


Am Mitt­woch, den 7. Okto­ber, lud das Kul­tur­zen­trum Kamm­garn ab 20 Uhr zum belieb­ten Poet­ry Slam „Kamm ON!“ in die gut gefüll­te Schrei­ne­rei ein. Nach den vor­an­ge­gan­ge­nen rhein­land-pfäl­zi­schen Meis­ter­schaf­ten han­del­te es sich um das ers­te regu­lä­re Tur­nier der neu­en Sai­son. Rund 75 Gäs­te erleb­ten einen knapp 2,5‑stündigen Abend, der sich gewohnt abwechs­lungs­reich, tief­grün­dig, kri­tisch und humor­voll prä­sen­tier­te, dazu pep­pi­ge Musik und Light-Show­ef­fek­te.


Durch den Abend führ­te der erfah­re­ne rhein­land-pfäl­zi­sche Poet­ry-Slam-Cham­pi­on Phried­rich Chil­ler, der das For­mat bereits seit fünf Jah­ren mode­riert. Zu Beginn erklär­te er dem Publi­kum die Grund­re­geln des Wett­be­werbs:

  • Die Tex­te müs­sen kom­plett selbst ver­fasst sein.
  • Es dür­fen kei­ner­lei Requi­si­ten oder Kos­tü­me ver­wen­det wer­den.
  • Die rei­ne Rede­zeit ist auf sechs­ein­halb Minu­ten pro Teil­neh­mer begrenzt.
  • Gesang ist nicht gestat­tet. Bei Zita­ten muss die Quel­le genannt wer­den.


Das bewähr­te Kon­zept von „Kamm ON!“ sieht vor, dass sich eta­blier­te Büh­nen­pro­fis aus ganz Deutsch­land mit loka­len Talen­ten mes­sen. Vier Start­plät­ze im acht­köp­fi­gen Feld sind dabei fest für Wort­künst­ler aus der Regi­on reser­viert.

Um die Laut­stär­ke des fina­len Applau­ses zu eichen, übte der Mode­ra­tor vor­ab mit den Gäs­ten eine Bewer­tungs­ska­la von 1 (nied­rigs­te Stu­fe des Respekts) bis 9. Die hypo­the­ti­sche Höchst­stu­fe erklär­te Chil­ler so: Bei einer Laut­stär­ke von 10 wäre „der FCK auf­ge­stie­gen und hät­te gleich den Titel geholt, Back­wa­ren gäbe es frei und ein Auto­kor­so zöge fre­ne­tisch jubelnd durch die Krei­sel. Und es hagelt Rehe! (laut dem dama­li­gen Meis­ter­trai­ner Reh­ha­gel)“.

Der Wett­be­werb war in zwei Run­den in je vier Teil­neh­men­den unter­teilt, aus denen das Publi­kum per Applaus die Fina­lis­ten kür­te.


In der ers­ten Grup­pe über­zeug­te die Lud­wigs­ha­fe­ne­rin Edith Brünn­ler. Sie wid­me­te sich in einem humor­vol­len, rap-ähn­li­chen Vor­trag in Vers­form den Tücken des moder­nen Smart Homes. Ange­sichts von KI und Sprach­as­sis­ten­ten hin­ter­frag­te sie kri­tisch, wie sie ohne die­se noch aus­kom­men sol­le. Die Roll­lä­den wer­den voll­au­to­ma­tisch hoch- und run­ter­ge­fah­ren, die Hei­zung regu­liert und der bes­te Kaf­fee gekocht. Ale­xa denkt für alles mit und vor­aus. Zudem emp­fiehlt der Bot, ein Tref­fen zu einem Schor­le (ohne Smart­phone!) mit ihrer bes­ten Freun­din abzu­sa­gen.

Aus Kai­sers­lau­tern trat zudem Mari­us Alt­mei­er an, der in sei­nem lyri­schen, sich teils rei­men­den Text eine Zoey (aus der Fami­lie) mit der grie­chi­schen Sage des Ika­rus und dem Tro­ja­ni­schen Pferd ver­knüpf­te. Er schloss mit dem Satz: „Wo kein Sinn kei­ne Opti­on ist.“

Ame­lie Bach­mann (eben­falls Kai­sers­lau­tern) warf anhand eines Fra­gen­ka­ta­logs tief­grün­di­ge gesell­schaft­li­che Fra­gen auf, z. B. „Wie­viel Geld braucht man zum Leben?” – „Was macht das Haus zu einem Zuhau­se?“

Der baye­ri­sche Teil­neh­mer Tho­mas Eiwen stra­pa­zier­te die Lach­mus­keln mit einem humor­vol­len Text über die herbst­li­che Kür­bis­sup­pe, die sich eigent­lich „nur mit Schnaps ver­dau­lich gemacht wer­den kann“. Soll man sie für das gan­ze Jahr ein­frie­ren?


Fatih Ser­best (Mainz) the­ma­ti­sier­te emo­tio­nal und frei spre­chend die Nöte von Geflüch­te­ten und glo­ba­le Miss­stän­de. Er rief dazu auf, wütend zu wer­den, da die Welt nicht nur wegen des Kli­mas bren­ne. Und setz­te sich für Tole­ranz und Empa­thie ein.

Sarah Angel­mahr aus Bad Dürk­heim beleuch­te­te die digi­ta­le Schein­welt von Jugend­li­chen. Sie gestal­tet selbst Poet­ry-Slam-Wett­be­wer­be und hat­te einen Brief aus der Per­spek­ti­ve einer 15-Jäh­ri­gen dabei. Es geht um Selbst­ent­blö­ßung auf Insta­gram. Man wird digi­tal pro­ji­ziert in St. Moritz und Laos, vor­ge­scho­ben wer­den die per­fek­ten Men­schen, die es so gar nicht gibt. Fängt man an, für Insta­gram zu leben, oder ist das Leben schon Insta­gram bei 24/7 Ver­füg­bar­keit?


Die Saar­brü­cke­rin Cla­ra Brill begeis­ter­te mit einem amü­san­ten Text in Mund­art über die kor­rek­te Aus­spra­che von „Zuc­chi­ni“. Sie stößt dabei außer­halb des Saar­lands auf sprach­li­che Kor­rek­tu­ren. Hat sie die fal­schen Wor­te und Sät­ze gelernt? Wich­tig ist doch Mag­gi am Schluss! Cla­ra Brill ist saar­län­di­sche Poet­ry-Slam-Sie­ge­rin und orga­ni­siert eige­ne Wett­be­wer­be.

Kom­plet­tiert wur­de das Feld von Mara Lena Koch (Mainz), die mit einer Pri­se iro­ni­scher Distanz ein Tage­buch-Zwie­ge­spräch über einen Auf­tritt in einem „Kuh­dorf“ und wei­te­re The­men prä­sen­tier­te. Koch wech­selt gern in die Meta­ebe­ne.


Ins Fina­le wähl­te das Publi­kum schließ­lich Edith Brünn­ler und Cla­ra Brill, die bei­de bereits ver­sier­te Künst­le­rin­nen sind.


Edith Brünn­ler, von Mode­ra­tor Chil­ler aner­ken­nend als „God­mo­ther of Pfäl­zisch Rap“ beti­telt, schil­der­te im Fina­le eine all­täg­li­che Sze­ne über einen lee­ren Kühl­schrank und fort­fol­gend das geschick­te Vor­drän­geln in lan­gen Schlan­gen beim Metz­ger oder Bäcker. Es gibt Pro­tes­te, doch sie fin­det flott vor allem für sich selbst(!) plau­si­ble Grün­de.


Cla­ra Brill
kon­ter­te mit einem (dies­mal) hoch­deut­schen, sprach­lich elo­quen­ten und inten­si­ven Vor­trag über distanz­lo­se Begeg­nun­gen auf dem Dance­f­lo­or. Der Tanz­part­ner riecht, schwitzt und greift der Prot­ago­nis­tin mit den Hän­den an die Wäsche. Doch sie weiß sich zu weh­ren.
Brill warf schließ­lich wit­zig ein: Ver­folgt mich auf Insta­gram und nicht leib­haf­tig!


Am Ende des Abends lag Cla­ra Brill in der Gunst des Publi­kums vorn und durf­te unter gro­ßem Applaus den begehr­ten „Gol­de­nen Kamm“ mit nach Hau­se neh­men.





„Die gefähr­lichs­te Welt­an­schau­ung ist die Welt­an­schau­ung derer, die die Welt nie ange­schaut haben.“
— Alex­an­der von Hum­boldt