Im Hin­ter­grund Cla­ra Jet­ter im Dia­log mit Lau­ra Hess



Viel Andrang und man­nig­fal­ti­ge Ein­drü­cke bei der Lese­nacht der Viel­falt in der Stadt­bi­blio­thek Land­au am 11.6.26.

Die Ver­an­stal­tung wur­de in Zusam­men­ar­beit vom Netz­werk Que­e­re Süd­pfalz mit der städ­ti­schen Gleich­stel­lungs­stel­le und der Stadt­bi­blio­thek orga­ni­siert. Man woll­te ein Zei­chen set­zen für Tole­ranz, Respekt und demo­kra­ti­sche Wer­te. Lite­ra­tur wird dabei zum Bin­de­glied.

Sabi­ne Schä­fer von der Biblio­theks­lei­tung führ­te in den Abend ein und Judith Hogen von Que­er­Net e.V. brach­te Diver­si­tät auf den Punkt.

Die Lese­nacht soll­te vor allem que­e­re Men­schen anspre­chen und eine Büh­ne für weit offe­ne Lebens­per­spek­ti­ven bie­ten.

Zu Beginn hielt Dr. Lena Som­mer vom städ­ti­schen Kul­tur­bü­ro einen Vor­trag über die Künst­le­rin Marie Strief­f­ler (1917–1987). Ihr außer­ge­wöhn­li­ches Leben pass­te nicht in den Rah­men, in die damals män­ner­do­mi­nier­te Kul­tur­sze­ne. Sie mal­te gern im Frei­en, in spä­te­ren Zei­ten an ihrer Sei­te der Schä­fer­hund. Lena Som­mer hob her­vor: „Ihre Geschich­te kann einen Reso­nanz­raum öff­nen”.
Nach ihrem Tod wur­de eine Stif­tung gegrün­det, um das Geden­ken zu bewah­ren, denn auch ihr Vater Hein­rich war ein bekann­ter Künst­ler. Das Strief­f­ler-Haus dient als Gale­rie und Muse­um. Marie Strief­f­ler erhielt ein Ehren­grab auf dem Haupt­fried­hof Land­au.

Jan Ranft brach­te sich mit der Coming Out-Geschich­te „Pink­Wa­shing” ein. Die katho­lisch erzo­ge­ne Mut­ter finan­ziert recht teu­re Mar­ken­kla­mot­ten ihres 15jährigen Soh­nes. Ein­mal pas­siert ihr ein Miss­ge­schick. Ein rotes Shirt mischt sich beim Waschen unter die rein wei­ße Wäsche. Alles ver­färbt sich rosa, was dem Sohn nichts aus­macht, denn er trägt auch gern pink. Die Mut­ter hat offen­bar fal­sche Vor­stel­lun­gen über das Schwul­sein, wird rot, als es ihr das „Anders­sein” bewusst wird. Für sie ein Tabu­bruch? Der Sohn siehts jedoch ganz locker, defi­niert sich als „nicht binär”.

Moni­ka Deutsch war mit einem sehr bewe­gen­den Text über Femi­zi­de ver­tre­ten: „Ein Leben, eine Nacht, fünf Minu­ten”. Sie ist Mit­glied bei den „Mör­de­ri­schen Schwes­tern” und beim Lite­ra­ri­schen Ver­ein der Pfalz. Die Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te Lau­ra Hess mein­te, wer sich nicht mit dem The­ma beschäf­ti­gen will, kann 10 Minu­ten Pau­se machen. Eine Sta­tis­tik besagt, dass in der glei­chen Zeit­span­ne auf der Welt eine Frau oder Mäd­chen wegen ihres Geschlechts ermor­det wird.
In ihrem Text dreh­te es sich um die in Deutsch­land leben­de jun­ge Kur­din Ley­la. Ihr Vater, offen­bar ein Patri­arch, will nicht, dass sie Abitur macht, Frau­en sol­len hei­ra­ten und Kin­der bekom­men. Doch sie setzt sich durch, will trotz aller Angst ein selbst­be­stimm­tes Leben füh­ren.
Die Autorin beleuch­tet inhu­ma­ne Moral­vor­stel­lun­gen, „dass Frau­en nicht nur gehasst, son­dern auch gequält wer­den.” Von ihrer Schul­freun­din wird sie ein­mal Sche­he­ra­za­de genannt, wel­che ja (mär­chen­haft) ver­hin­dert, dass der per­si­sche König jeden Tag eine Frau hei­ra­tet und anschlie­ßend tötet.
Ley­la wird in der Fol­ge von ihrem Bru­der auf Schritt und Tritt über­wacht. Die Fami­lie hat indes beschlos­sen, dass sie einen Lands­mann aus dem Süd­os­ten der Tür­kei hei­ra­tet. Sie lehnt ent­schie­den eine Ver­lo­bung ab, will sich nicht wie eine Kuh ver­kau­fen las­sen. In der Schluß­sze­ne steht ihre Freun­din im Dun­keln in der erzäh­len­den Ich-Per­spek­ti­ve auf der Stra­ße vor ihrem beleuch­te­ten Fens­ter, sieht nur die Schat­ten, dann folgt Schreck­li­ches.

Vio­la Münch ver­dich­te­te in ihrer Kurz­pro­sa ein­drucks­voll eine „Selbst­re­fle­xi­on”.
In einer Ein­kaufs­pas­sa­ge trifft die Prot­ago­nis­tin auf eine Per­son, die schlecht ein­zu­ord­nen ist, es folgt eine genaue Beschrei­bung, stellt fest – „die Häss­lich­keit wird weg­ge­wischt von den sanf­ten Augen”. Auf­fäl­lig die komi­schen Kopf­be­we­gun­gen. Als sie wei­ter­geht, ver­schwin­det das Spie­gel­bild. Sie war es selbst. Ein star­ker und stil­ler Moment.

Bir­git Heid schreibt über ihren vor­ge­stell­ten Text „Eine run­de Sache” auf ihrer Home­page: „Mein Anlie­gen in die­ser Erzäh­lung ist es, auf die vie­len Mög­lich­kei­ten und Vor­lie­ben hin­zu­wei­sen, die im inti­men Leben eine Rol­le spie­len kön­nen. Ich möch­te die Öff­nung für ver­schie­de­ne Bedürf­nis­se för­dern.” Die Autorin sag­te ergän­zend: „Viel­falt bedeu­tet, alle Facet­ten einer Per­son ken­nen­zu­ler­nen – eine Chan­ce der Aus­ein­an­der­set­zung.„
Der Prot­ago­nist André pflegt zwei extre­me Pas­sio­nen, bes­ser gesagt Ticks, er sam­melt Schlag­uh­ren zum Rein­hö­ren sowie Luft­bal­lons zum Rein­ku­scheln, was bei ihm „orgi­as­ti­sche” Gefüh­le aus­lö­sen kann. Auch sucht er die pas­sen­de Lebens­part­ne­rin, wobei die hohen Ansprü­che, sprich­wört­li­ches Pech und sein (que­e­res) Ver­hal­ten im Wege ste­hen. Am Schluss scheint es doch ein Hap­py End zu geben. Eine humor­vol­le Geschich­te mit viel Empa­thie.

Wei­te­re AutorIn­nen waren Cla­ra Jet­ter mit „Am Tisch” und Fynn Königs mit „Ein Uni­ver­sum voll von uns”.


Bei­trag wur­de am 6.7.26 durch ph aktua­li­siert