
„Was das Individuum betrifft,
so ist ohnehin jedes ein Sohn seiner Zeit;
so ist auch die Philosophie ihre Zeit in Gedanken erfasst.“
(Hegel, Aus den „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, 1821)
Am 29. August fand bei spätsommerlich warmen 27 °C das traditionelle Poetenfest im kleinen Kultursaal des „Hohenfeldschen Hauses” nahe dem Dom statt. Eine im Gebäude befindliche Gedenkstätte erinnert an die Schriftstellerin Sophie von La Roche (1730–1807), welche dort zeitweise wohnte.
Das Fest stand unter dem Motto „Zeitgeist“. Um 15:30 Uhr trafen sich Autoren und Gäste zu einem geselligen Ankommen, die anschließenden Lesungen gingen zwischen 16 Uhr und 20:30 Uhr über die Bühne, musikalisch umrahmt durch Mariusz Rzymkowski an der Gitarre und Mundharmonika.
Die Schriftstellerin Birgit Heid aus Landau führte in die Veranstaltung ein und freute sich sehr über die Begegnungen und die Vielfalt der Texte. Sie erinnerte sich gern an das erste Poetenfest 2013 in Queichhambach, das zusammen mit Helmut Seebach im Bachstelznetz organisiert worden war.
Eine zusätzliche Attraktion bot sich durch die „Poesie zum Pflücken” und den Büchertisch an.
Ursula Dörler aus Stelzenberg moderierte eloquent durch den Abend. Gäste durften jederzeit ankommen und sich verabschieden. In den Pausen wurden Snacks sowie Getränke angeboten und es bestand Gelegenheit zum Austausch mit den Mitwirkenden. Der Eintritt war frei.
Das Motto umfasste historische und nostalgische Betrachtungen des Zeitgeists sowie (dystopische) Zukunftsentwürfe. Dabei reichten die Themen von technologischen Entwicklungen wie KI und Smart Homes bis hin zu deren Auswirkungen auf das Wohlbefinden und das soziale Miteinander.
Ulrich Bunjes aus Speyer stellte seine Kurzprosa „Herrschaftszeiten” vor. Die Handlung beginnt in einer Aussegnungshalle zu einer Trauerfeier. Eine bekannte Unternehmerpersönlichkeit ist verstorben und die Bänke gut befüllt. Der empathische, humanistisch geprägte Friedbert sitzt weit hinten, neben ihm Joe, ein eitler, aufgeblasener (früherer) Angestellter seines toten Chefs. Joe heißt eigentlich Johann Sebastian, wobei dem Leser in Verbindung mit Orgel und Choral Bach von den Lippen springt. Auch zitiert Bunjes im Text vermutlich Politiker wie Javier Milei, die mit der Kettensäge den Staatsabbau umsetzen wollen, eine Deregulierung zu Gunsten der Eliten anstreben. In einem Gespräch zwischen beiden auf dem Weg des Trauerzugs zum Friedhof wird klar, wie Joe die Rituale und „Old school” zuwider sind. Ihn prägt eine hypermoderne KI-gesteuerte Leistungsgesellschaft, die Menschen optimiert und auch überwacht, die auf Profit maximiert ist. Friedbert hingegen findet tröstliche Worte für die Angehörigen, widerspricht Joes kaltherzigen Thesen. In der letzten leicht melancholischen Szene wird die Vereinsamung vieler angedeutet.
Ulrich Bunjes zitierte passend aus Goethes „Faust”:
Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.
Eine intelligent durchdachte, zeitkritische Erzählung mit mancherlei Spitzen.
Renate Demuth aus Kaiserslautern-Hohenecken pflegt auf wunderbare Weise ihren Homburger Dialekt im saar-pfälzischen Grenzbereich. Sie trug mehrere Gedichte vor.
In ihrer „Selbschbetrachtung” kann die Protagonistin sich „im Spichel an de Wand / gar net wieder erkenne”. Sie ist fremd im Land, soll funksioneere unn sich aanbasse, derweil sie feststellt, dass sie dem Zeitgeischt nie entspreche wird. „De schejne Schein wär’s, wo heit Vorrang hätt.” Ein Querkobb ebbe.
In „So Satt” findet ein Bierfescht statt. Allerlei wird aufgestischt und ein Beseifnis macht schlapp. Nix basst meh rin, de Maa rewelleert. In der zweiten Strophe wird an das Elend dort draußen in der Welt ermahnt, an eine Dürre: Es Wasser längscht knapp. Viel Mensche krank, schlapp … gestorb. Die Laun auf dem Bierfescht is verdorb.
Ulrich Bunjes resümierte:
„Aus meiner Perspektive war die Veranstaltung gelungen, keiner der Autoren hatte absagen müssen, wir haben pünktlich angefangen und haben pünktlich aufgehört, die Musik war eingängig und harmonisch und hat das Fest mitgetragen. Das diesjährige Poetenfest war erfolgreich. Wir hatten noch mehr Zuhörer als im letzten Jahr, und die meisten haben stundenlang zugehört. Es hat, glaube ich, auch den Lesenden Spaß gemacht. That´s it.”
Dass die Veranstaltung so reibungslos ablief, war vor allem dem engagierten Organisationsteam zu verdanken!
Folgende Autorinnen und Autoren waren mit Texten beteiligt:
- Lothar Seidler
- Wolfgang Blender
- Daniel Hoffmann
- Werner Fröhlich
- Manfred Dechert
- Ulrich Bunjes
- Renate Demuth
- Wolfgang Allinger
- Katrin Kirchner
- Eva Sperber
- Dawn Dister
- Ulrike Grömling
